HMS Mercury - Fregatte der Enterprize-Klasse; Shipyard-Kartonmodell, 1:72

  • So, dann will ich euch mal wieder mit viel Fachchinesisch quälen. :D Nee, Quatsch, aber das gehört eben dazu zu einem ordentlichen Baubericht, schließlich sollt ihr ja auch was lernen, wir sind ja nicht zum Vergnügen hier! :thumbup:


    Zum stehenden Gut am Bugspriet gehören auch zwei Backstage. Oder auch Bugstage - hier sind sich die Experten offenbar nicht einig hinsichtlich der Bezeichnung; beim Mondfeld sind's die Bug-, beim Schrage die Backstage. Aber sie meinen beide das Gleiche. Diese Stage gehen vom Bugspriet jeweils an die Steuerbord- und Backbordseite des Rumpfes und stützen den Bugspriet seitlich gegen die von oben wirkenden Zugkräfte ab. Für jedes Bugstag wird ein Stagkragen gefertigt, ähnlich denen für die Wasserstage, mit dem einzigen Unterschied, dass die Herzkausche seitlich vom Bugspriet liegt.
    So, und jetzt mach ich das mal mit Bildern deutlich. Das hier ist die Ausgangslage, wir sehen die beiden Wasserstage mit ihren Stagkragen.

    Tja, sieht gut aus, was? Aber, aber, aber... Direkt rechts neben den linken Stagkragen des Wasserstages müssen noch die zwei Stagkragen der Bugstage. Aber da ist kein Platz mehr, da dort ja schon der Klüverbaumsattel, also der Auflieger für die Verlängerung des Bugspriets, befestigt ist. Also gab es zwei Varianten: Die Halteklampen für den Stagkragen des Wasserstags abpuhlen und das alles zwei bis drei Millimeter schiffswärts setzen oder den Klüverbaumsattel vorsichtig lösen und das Teil ein Stück nach oben setzen. Zur Erklärung das hier:

    Nun ratet mal, wofür ich mich entschieden habe?
    Richtig! [Blockierte Grafik: http://www.die-kartonmodellbauer.de/wcf/images/smilies/smiley181.gif]

    Jetzt war Platz genug. Also fertigte ich den Stagkragen für das Steuerbord-Bugstag. Dazu nahm ich wieder ein Stück gekleedetes Tau, band die Herzkausche ein, gab den beiden vorher in der Länge ausgemessenen Ende je ein kleines Auge und legte das dann um den Bugspriet und verzurrte das Stag durch die beiden Augen. Dann bekam ein aus 3x 0,5mm geschlagenes Tau an ein Ende die andere Herzkausche eingebunden und am anderen Ende einen Haken aus dafis wunderbarem Ätzsatz. In die Bordwand steckte und klebte ich einen Augbolzen. Nun brauchte ich nur noch mit einem 0,1mm-Amati-hell-Faden als Taljereep die beiden Herzkauschen straff miteinander verbinden, und fertig war die Laube:

    Den Klüverbaumsattel befestigte ich dann auch wieder; ihr seht, das noch reichlich Platz für den Stagkragen des Backbord-Bugstags ist.

    Und nun will ich versuchen, das alles nochmal ein wenig deutlich zu machen:

    Das Bild zeigt eine Seite aus dem Schrage-Buch. Die 1 ist der Stagkragen für das Backstag.
    Die 2 zeigt die Stelle am Bugspriet, um die es mir heute ging; ihr seht, was da für ein Gedränge herrscht, wenn alles, was da hin gehört, dran ist. Was da nach oben weg geht, ist das Fockstag, das kommt logischerweise erst dran, wenn der Fockmast steht.
    Die 3 ist unser Bugstag, sowohl in Theorie als auch in Praxis.
    Und hier das Bild nochmal gekippt, der besseren Ansicht der Praxis wegen:

    Tja, das war's schon. Die Backbordseite werde ich genauso bauen, jetzt ist ja Platz am Bugspriet.

  • Wie immer wunderschöne Bilder.



    Zitat von Achilles

    Gemäß einer Navy Board Order von 1715 sollten Linienschiffe zwischen den "rails" aus Kostengründen schwarz gestrichen werden. Blaue Farbe und Friesmalereien waren lediglich Flaggschiffen vorbehalten. Diese Order galt übrigens bis 1780 und wurden offenbar auch strikt eingehalten.


    Bei der HM Sloop Fly von 1776 sind die Verzierungen und Friese bereits im As Built Plan dargestellt. Es gibt soweit ich weiß noch ein oder zwei andere Pläne, die die Verzierungen bei kleineren Schiffen zeigen. Aber das sind Ausnahmen.


    Es kommt meiner Meinung nach darauf an, wie man das Modell zeigen möchte:

    • im Stil und der Darstellung der historischen Navy Board Modelle
    • möglichst Nahe am Originalschiff - mit allen Unsicherheiten die dabei vorhanden sind. Da es keine Fotos gab, wissen wir nicht in wieweit Bilder schon wieder einen idealisierten Zustand zeigen.

    Beide Darstellungsweisen haben ihre Berechtigung und das macht für mich die Faszination an historischen Schiffsmodellen aus.

    Gruß Christian


    In der Werft: HMS Triton, 1773
    "Behandle jedes Bauteil, als ob es ein eigenes Modell ist; auf diese Weise wirst Du mehr Modelle an einem Tag als andere in ihrem Leben fertig stellen."

  • Aye,Bonden,


    Die Takelung der Wasserstage und die Position des Baumsattels gefällt mir sehr gut. Das ist, nach den Takelungen der großen Rahen unter den Marsen, eine der interessantesten Stellen. Die auch viel Freude beim Bauen macht.


    Cheers Angarvater

    To the optimist, the glass is half full.
    To the pessimist the glas is half empty.
    To the engineer, the glass is twice. As big as it needs to be.

  • Bei der HM Sloop Fly von 1776 sind die Verzierungen und Friese bereits im As Built Plan dargestellt. Es gibt soweit ich weiß noch ein oder zwei andere Pläne, die die Verzierungen bei kleineren Schiffen zeigen. Aber das sind Ausnahmen.

    Vergessen wir die Ausnahmen - das, was Achilles da gefunden hat, lasse ich so stehen und freue mich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe, so! :D


    @Angarvater Ich finde diese Stelle jetzt auch total spannend, zumal ich ja sowas in der Art auch noch nie gebaut habe. Überhaupt betrete ich jetzt immer öfters für mich modellbautechnisches Neuland, jetzt ist jeder Schritt noch mehr Herausforderung als bisher. Und ich freue mich riesig darauf! Ich habe derzeit eine unbändige Lust auf dieses Modell, und auch wenn ich jetzt nicht jede freie Minute an der Mercury baue, denke ich doch viel über die nächsten Schritte nach, lese in Büchern und schaue mir im Internet vergleichbare Modelle und die dazugehörenden Bauberichte an. Die Mercury ist meine bisher größte Herausforderung, und mit Blick auf meine bisherigen Modelle weiß ich, was ich mir da aufgeladen habe - spannend, herausfordernd, anspornend, schöööööööööööön! ^^

  • Du bist ja Jauch Epoche mäßig immer weiter fortgeschritten.
    Insofern logisch das die Mercury eine wesentlich anspruchsvollere Takelage als z.B. Die Bireme oder die Kogge.
    Eigentlich hättest du noch ein Schiff aus Queen Annes Zeit zwischenschieben müssen... :D


    Aber die Mercury ist ein warmes Schmuckstück und es ist eine Freude den Bauberichten zu lesen.
    Was kommt danach... Ich Willens noch garnicht wissen. Aber froi mia druff....


    Aga

    Gentlemen, when the enemy is committed to a mistake, we must not interrupt him too soon.

    Adm. Horatio Nelson

  • Und wieder etwas gelernt. Bislang bin ich beim Lesen nur öfter über das Wort Backstage gestolpert, ohne mir groß Gedanken zu machen, worum es dabei eigentlich geht, weil es für das Verständnis der Handlung einfach nicht wirklich wichtig war. Bei @Bonden bekommt man sogar gezeigt, wo die Teile hingehören.

    Glück hat meistens der Mann, der weiß, wieviel er dem Zufall überlassen darf. (C.S. Forester)

  • Hallo Bonden,


    ...danke für deine Antwort und sorry für die Frage
    Ich hab mich evtl falsch ausgedrückt...ist das Karton im klassischen Sinne oder speziell behandelter Karton ? Dass da Draht,Messingteile usw dabei sind habe ich in deiner Einleitung gelesen.Masten usw.....

  • Ah, ok, dann hab ich deine Frage echt falsch verstanden. Also, die Bögen sind aus unterschiedlichem Karton; die dickeren aus Finnpappe (besserer Bierdeckel), die dünneren eben aus dünnerem Karton. Da ist nix speziell behandelt, die Teile sind eben nur alle gelasert. Ansonsten hat der Karton all die positiven und negativen Eigenschaften wie jedes andere Stück Karton auch, immer abhängig von der jeweiligen Art. Also die Finnpappe neigt zum Auffasern, speziell bei kleinen und kleinsten Teilen, daher tränkt man sie zweckmäßigerweise vor dem weiteren Verarbeiten - und auch schon vor dem Herauslösen aus dem Bogen - vorsichtig mit Sekundenleim.


    @Dr. Maturin Tja, mein Freund, du kennst ja von früheren Besuchen bei mir noch meine Anfänge mit den Schreiber-Modellen; ich glaube, du würdest noch mehr staunen, wenn du die Papegojan und jetzt speziell die Mercury live und in Farbe erleben könntest. Also, raff dich auf - du weißt, du bist in Dresden immer willkommen! ;):wink:

  • hallo Bonden,


    danke für die Erklärung. Genau das wollte ich wissen. Faszinierend. Für mich war das nie vorstellbar. Einfach der Hammer, wenn man deinen Baubericht und die dazugehörenden Bilder sieht. einfach nur " WOE " ..danke Bonden

  • @Dr. Maturin Tja, mein Freund, du kennst ja von früheren Besuchen bei mir noch meine Anfänge mit den Schreiber-Modellen; ich glaube, du würdest noch mehr staunen, wenn du die Papegojan und jetzt speziell die Mercury live und in Farbe erleben könntest. Also, raff dich auf - du weißt, du bist in Dresden immer willkommen!


    Ah, ok, dann hab ich deine Frage echt falsch verstanden. Also, die Bögen sind aus unterschiedlichem Karton; die dickeren aus Finnpappe (besserer Bierdeckel), die dünneren eben aus dünnerem Karton. Da ist nix speziell behandelt, die Teile sind eben nur alle gelasert. Ansonsten hat der Karton all die positiven und negativen Eigenschaften wie jedes andere Stück Karton auch, immer abhängig von der jeweiligen Art. Also die Finnpappe neigt zum Auffasern, speziell bei kleinen und kleinsten Teilen, daher tränkt man sie zweckmäßigerweise vor dem weiteren Verarbeiten - und auch schon vor dem Herauslösen aus dem Bogen - vorsichtig mit Sekundenleim.


    @Dr. Maturin Tja, mein Freund, du kennst ja von früheren Besuchen bei mir noch meine Anfänge mit den Schreiber-Modellen; ich glaube, du würdest noch mehr staunen, wenn du die Papegojan und jetzt speziell die Mercury live und in Farbe erleben könntest. Also, raff dich auf - du weißt, du bist in Dresden immer willkommen! ;):wink:

    Wir müssen mal konferieren.

  • Darüber hinaus hatten die Karronaden am Ende eine fest installierte Halterung, die auch der Höhenausrichtung diente. Auf historischen Abbildungen sieht man das recht häufig, allerdings nicht immer. Hier ein Beispiel dafür: Karronade 1 Man sieht, dass hier der Richtkeil fehlt - erscheint mir auch logisch, denn wozu soll der dienen, wenn man das Richten miteels dieser Vorrichtung erledigen kann.
    Eine Karronade an Deck der Victory wiederum hat diese Vorrichtung nicht, aber dafür den Richtkeil: Karronade 2
    Mondfeld (und auch andere Fachliteratur) zeigt wiederum beides. Und auch bei Shipyard selbst war man sich wohl nicht ganz sicher; das merkt man immer dann, wenn man nirgends ein scharfes Detailfoto findet. (Siehe beispielhaft hier: Shipyard-Bild)

    Ich muss mal auf das alte Karronaden-Thema zurückkommen, weil mich das sicherlich schon bald beschäftigen wird, wenn die Werft ihre Arbeit wieder aufnimmt.
    Was mir Kopfzerbrechen bereitet, ist der Holzkeil, denn wenn ich mir die Fotografien alter Karronaden anschaue, finde ich nur zwei Fälle, in denen der Richtkeil auftaucht.
    Einmal ist es das von Dir gepostete Bild von der Victory und dann gibt es noch eine uralte Aufnahme von einem Festungsgeschütz, bei dem ich mir aber nicht sicher bin, ob es überhaupt eine Karronade ist.
    Auf der Victory weisen aber die Karronaden die Öse für die Richtspindel auf, so dass hier der Verdacht nahe liegt, dass die Richtspindeln evtl. abhanden gekommen sind (oder einige davon) und man sich deshalb mit dem Richtkeil behilft, um hier ein einheitliches Bild zu zeigen. Vielleicht hat sich Mondfeld davon täuschen lassen. Ich weiß, das grenzt an Ketzerei, aber man muss das ja auch mal sagen dürfen. :stp:

    Glück hat meistens der Mann, der weiß, wieviel er dem Zufall überlassen darf. (C.S. Forester)