Band 9 - Ramage und die Rebellen

  • Prolog:
    Ist es bedenklich, wenn ich beim Drittlesen überrascht werde, wenn ich bemerke, dass ich mich an fast gar nichts erinnern kann, obwohl ich das Bändchen schon 2x gelesen habe? Beginnende Demenz? Mit 50?
    Zeigt das vielleicht das Fehlen der Qualität der Geschichte? "Buch ist gänzlich unwichtig, das brauche ich mir nicht merken!"
    Oder zeigt das im Gegenteil die Qualität der Geschichte? "Buch ist so gut, das vergesse ich gleich wieder, damit ich es in wenigen Jahren erneut mit Genuss lesen kann!"
    Oder oder? Habe ich schon so viele ähnliche Genre-Literatur gelesen, dass Vergleichbares/Ähnliches/Gleiches so auch in mehreren anderen Büchlein zu finden wäre?



    Fregatten kapern oder brandschatzen - leicht gemacht!
    Ramage wird nach Jamaika beordert. Dort ist ihm ein neuer Vizeadmiral vorgesetzt: William Fox-Foote, einer der vielleicht prisengeilsten Flaggoffiziere.
    Und so lautet sein unpräziser Auftrag: Verdiene für den Admiral viele Goldtaler, indem du Prisen kaperst und dabei ein Piratenproblem vor holländisch Curacao löst.
    Der Lord segelt mit seinen treuen Gefährten und einem Tender los. Ein treibendes Handelsschiff wird entdeckt, es wurde ausgeraubt, die Besatzung vollständig ermordet und geköpft. Eine Verfolgung der Mörder ist unmöglich. Ramage erfährt aber, dass es ein spanischer Schoner mit französischer Besatzung war.
    Im Jagdgebiet vor Curacao angekommen, befinden sich 10 abgetakelte Schoner in der uneinnehmbaren Reede von Amsterdam. Eine unbekannte Fregatte nähert sich, ein Franzose. Tricky Ramage stellt den Franzosen eine Falle: "300 Mann und eine Fregatte mit 34 Kanonen durch eine Trosse von hundert Fuß Länge erobert!" (Kap. 9, S. 184)
    Der holländische Gouverneur täuscht listig Hilflosigkeit vor und kapituliert vor Ramage, weil er Angst vor marodierenden französischen Piratenmatrosen und Revolutionären hat. Ramage übernimmt für König Georg Besitz von Curacao. Dafür darf er ein bisschen mit der natürlich überaus hübschen Tochter des Gouverneurs knutschen. (Anderer Frauentyp als Gianna de Volterra!!!) Mit seinen mutigen Männern löst er das Piratenproblem überaus blutig an Land.
    Eine holländische Fregatte läuft ein und blockiert den Hafen. Der Gouverneur wird wortbrüchig, Ramage versenkt die holländische Fregatte samt Besatzung. Dabei geht der spanische Mörder-Schoner verlustig. Ramage wird verletzt und hat die hübscheste Krankenschwester, die ihm Händchen hält und ihren Vater fortan verachtet. Der Gouverneur wird abgeschoben. Der Admiral kommt und meckert Ramage an, dass dieser zu wenig Geld verdient habe.


    So weit der Plot (ohne hoffentlich zu viel zu spoilern!).


    Historisch korrekt ist: Im Jahre 1800 ergab sich Curacao der britischen Fregatte Néréide unter Kapitän Watkins. Später wurde die Insel zurückgegeben und Amsterdam in Willemstad umgetauft.


    Nach 8 Bänden bietet Pope hier erstmalig erzähltechnisch einen Perspektivwechsel im Personal an, um die Spannung zu erhöhen und die Gewieftheit unseres Helden aus französischer Sichtweise zu beschreiben. Dem französischen 1. Offizier wird sein Vorgesetzter weggenommen. Nun muss er eigenständig denken und handeln, was ihm verständlicherweise schwer fällt, zumal unser Lord wieder eine tollkühne Finte parat hat. Dies führt zu einem herrlichem Wuhling in den Gedanken des Franzosen.


    Und dann versucht Pope etwas, das schwer in Gedanken und Worte zu fassen ist: Etwas wie eine Vorahnung überkommt den Held. Ein Schatten aus der Vergangenheit bemächtig sich Ramage. Eine unsichtbare Aura baut sich auf, diffus fühlbar, für ihn selbst und auch für seinen 1. Offizier Aitken. Ich nenne es an dieser Stelle mal bezeichnend: MAS = Minimale atmosphärische Störung! Konkreter: Ramage überkommen Erinnerungspartikel an seinen Urgroßvater, der in den karibischen Gewässern erfolgreicher Bukanier war.


    Schmunzeln bei Begrifflichkeiten: Kupferknecht = Köche, Zahlmops = Zahlmeister und der Parole: Kein Frieden südlich vom Äquator! Mücken heißen bei den Matrosen: 'Sieht man nicht!'


    Gelungen auch der Satz: "Nur 3 Minuten waren vergangen. Er war sicher, daß die Zeiger beim nächsten Mal, wenn er auf die Uhr schaute, rückwärts liefen..." (S. 309)


    Ein Beispiel für auch einmal eine gelungene Übersetzungsleistung (ist ja eher selten!): "Aber die Idee mit dem Brander hätte alle Gedanken ausgelöscht." (S.359)


    Was passiert mit französischen Brandyfässern, die sich als Wasserfässer getarnt, an Bord der Calypso befinden?????


    Epilog:
    Gekonnte, wieder einmal knallbunte Abenteuer-Unterhaltung, die sich auch beim Drittlesen wenig abgenutzt hat. Empfehlenswert dabei am Strand zu liegen, das Meer rauschen zu hören und am Horizont holländische Traditionssegler zu beobachten (so genau geschehen). (Das Quaken von Baumfröschen war allerdings nicht zu hören.) Später am Abend vielleicht einen Brandy trinken.
    Suchst du nach einer Flucht ins 18./19. Jahrhundert ohne Anspruch auf Realismus oder literarische Kostbarkeiten, suchst du nach bunten Bildern und lässt beim Lesen innerlich einen nicht gedrehten Film laufen (Welche lebende Schauspielerin würde wohl die Maria mimen?), suchst du nach einem wahren, edlen, moralisch korrekten Helden, dann bist du bei D. Pope und Lord Ramage richtig.

    "Wie die Luft gehört die See als Geburtsrecht allen Menschen.“
    (Thomas Jefferson 1743 - 1826)

  • Ernsthaft @Bonden? Dabei wissen wir doch alle, dass Admiräle bereits alt und würdevoll zur Welt kommen. :Pirat1:


    @1.Lord: Ich lese Deine Rezensionen mit größtem Vergnügen. So, wie von Dir geschildert, habe ich diesen band in Erinnerung.

    Glück hat meistens der Mann, der weiß, wieviel er dem Zufall überlassen darf. (C.S. Forester)

  • Liest sich auf jeden Fall sehr interessant und man kann sich das Grinsen an einigen Stellen nicht verkneifen... ;)


    Ansonsten unterstütze ich Agas Vorschlag, wenn es dem @1.Lord recht ist, dass wir seinen Beitrag exklusiv auf der Hauptseite veröffentlichen.

    ~*~ "Und nun meine Herren, genug der Bücher und Signale." ~*~ Richard Earl Howe, 1. Juni 1794.

  • Als jüngstes Mitglied dieser Gemeinschaft bin ich mit den Gepflogenheiten noch nicht recht vertraut!
    Insofern konnte ich mit "HP im September" von Aga noch nicht so recht was anfangen.


    Aber natürlich bin ich mit einer Veröffentlichung auf der Hauptseite einverstanden.


    Danke!

    "Wie die Luft gehört die See als Geburtsrecht allen Menschen.“
    (Thomas Jefferson 1743 - 1826)

  • Gerne, @1.Lord! Dafür sind wir bzw. die Seite ja schließlich da. :thumbup:


    Das ist einzigartiger Inhalt, den man im deutschsprachigen Raum in dieser geballten Form wie wir ihn anbieten sonst nicht findet.
    Es gab noch ein sehr großes englischsprachiges Forum zum Thema, welches aber nach mehr als zwei Jahren Stillstand mittlerweile auch nicht mehr online ist. Da freut man sich über jede aktive Beteiligung und dass unserer Forum und die Inhalte weiter wachsen!

    ~*~ "Und nun meine Herren, genug der Bücher und Signale." ~*~ Richard Earl Howe, 1. Juni 1794.

  • Davon kann es auch nicht genug geben, natürlich nicht!
    Das Zitat Howe muss ja auch heute noch eine Wirksamkeit haben.
    Es gibt viel zu tun.
    Meine To-do-List steht.
    Ramage beenden, Monserrat eröffnen, andere einfädeln.
    Viele Ideen - immer zu wenig Zeit - dabei segeln doch unsere Liebsten so lange.....
    Damit meine ich, dass es heute unvorstellbar ist, wie langsam die Zeit des AoS war.
    Um in Kernschussweite zu gelangen brauchte es viele Stunden gewieften Segelns...
    Heute kann man kaum eine Werbeunterbrechung beim Sehen von Spielfilmen ertragen...
    Was heißt eigentlich Slow-Motion?

    "Wie die Luft gehört die See als Geburtsrecht allen Menschen.“
    (Thomas Jefferson 1743 - 1826)

  • "Langsam" war die Zeit des Age of Sail für die Zeitgenossen sicherlich nicht. ;)
    Schließlich kannten sie es aus ihrer Vergangenheit auch nur beschaulicher. Die Geschwindigkeit, mit der man nun auch bis an das Ende der bekannten Welt und darüberhinaus gelangen konnte. Selbst Goethe klagte im beginnenden 19. Jahrhundert über die stetike Hektik und Flut von Briefen, die jeden Tag zu bewältigen sei. Dazu kam dann auch noch der Beginn der Industrialisierung, etc...
    Und wie langsam kommt uns heute die Welt ohne Internet und Smartphone vor, und das ist gerade mal ~20 Jahre her...


    Das Zitat in meiner Signatur sollte auch nicht aus dem Kontext gerissen werden. ;) Diese Aussage bezog sich schließlich auf den Moment der beginnenden Seeschlacht, in dem einem die graue Theorie und (diplomatisches) Taktieren nicht mehr weiterhelfen würden.
    Also keineswegs ein Aufruf gegen Bücher oder gar Taktik als solches. -
    War es doch Howe selbst, der nach eigenen Erfahrungen im Siebenjährigen Krieg allgemeine Grundlagen über amphibische Operationen verfasste und auf der amerikanischen Station etliche Jahre später ein umfassendes Flaggensystem ausarbeitete.


    Aber das wird jetzt mal wieder alles Off-Topic.

    ~*~ "Und nun meine Herren, genug der Bücher und Signale." ~*~ Richard Earl Howe, 1. Juni 1794.