Beiträge von 1.Lord

    Aga, danke für deinen großartigen Urlaubsbericht mit den atemberaubenden Bildern. Da bekomme ich sehr großen Appetit.

    (Wir verreisen erst wieder im Herbst, machen aber unsere Scholle chicker. Sind ab und an an der Ostsee.... Meine Tochter und ich hatten einen schweren Autounfall. Wir sind unverletzt, aber uns verfolgen schlimme Bilder... Die Tochter war 5 Tage reiten und ich versuche bei DEINEN schönen Bildern und meinem großartigen Garten und arbeitsamer Freizeit bessere Bilder in meinen Kopf zu bekommen...)

    Danke fürs Zeigen!

    Ich habe alle Revell-Modelle, die ich baute, Schlachtschiffe, Flieger, Segelschiffe jahrgangsweise edel mit Böllern bestückt und dann genussvoll um die Jahreswenden BUmmmmmmmmmmm!:stp:

    Das war immer sehr geil. Die letzten habe ich mit meinem Sohn versenkt. Fand er gut.

    Ich hatte ein Zimmer mit hunderten von Plastikmodellen, unter der Zimmerdecke, in Regalen.

    BUmmmmmmmmm!

    Donald Wigal 'Historische Seekarten' ist 2000 in New York erschienen.


    Der Autor Wigal unterrichtete Geschichte, Kunst, Theologie und Musik an der Universität von Dayton und am Mary Rogers College. Seine Leidenschaft für Dokumente und Archive machte ihn zu einem der wichtigsten Mitarbeiter bei der Academic American Encyclopedia. Auch verfasste er zahlreiche historische Biographien. Seine akademische Karriere wurde 1985 durch den Distinguish Award der Universität von Dayton grkrönt (aus dem Klappentext!).



    Der großformatige, schön gestaltete Bildband bietet uns sehr umfangreiches Karten und Bildmaterial über Entdeckungsfahrten zu neuen Welten im Zeitraum 1290 bis 1699 an.

    Der wunderschöne Band lädt ein zum Stöbern und Schmökern. Die Texte sind sehr gut von Dr. Martin Goch ins Deutsche übertragen. Die 274 reich bebilderten Seiten sind in folgende Kapitel gegliedert:


    1. Landkarten und Entdeckungen
    2. Die Entdeckung neuer Welten im Westen und Osten: 1400 – 1500
    3. Jenseits der neuen Welt: 1500 – 1550
    4. Brücken über die Ozeane: 1550 – 1600
    5. Die Renaissance der Entdeckungen: 1600 – 1700
    6. Auf dem Weg in die moderne Welt: 1700 -1900
    7. Schlusswort
    8. Anmerkungen
    9. Index
    10. Glossar
    11. Bibliographie


    Wir können also diesmal historisch korrekt eingeordnet wieder unterwegs sein mit Kolumbus,Cortes und Cook.

    Dieses Buch ist ein farbenfroher Leckerbissen!

    Ganz wunderbar!

    Ich kannte das natürlich auch nicht - ich rufe gleich mal meinen 15-jährigen Avengers-Experten herunter - mal sehen, ob der Gamle wirklich gamle ist (Die Krimiserie DER ALTE läuft im dänischen Fernsehen tatsächlich als De Gamle!). Danke Aga - gerne immer wieder solche Hinweise...

    Vielleicht noch abschließen zu dem Autor von Quentin: e Kölle Jeck, Pilot, aktiver Karnevals-Männer-Ballett....:lol3:


    Von Martin Selber gibt es eine riesige Menge Literatur: Auch viele Kinder- und Jugendbücher

    Zum Spaß/Nostalgie erwähne ich hier ein paar lustige Titel, die mich grinsen lassen:


    Mit Spulen, Draht und Morsetaste.

    Mit Radio, Röhren und Lautsprecher.

    Mit Logbuch, Call und Funkstation.

    Der Sozius mit der braunen Jacke.

    Auch alte Uhren messen neue Zeit.

    Heimkehr in fremde Betten.

    Die Flucht ins Tal der Schwalben.

    ...

    fr17

    Ich war ja auf Fanö an der Nordsee und hatte richtig Zeit fürs Lesen. Bernsteine sammeln war ja nicht, da wir eine Ostwetterlage mit schönstem Sonnenschein, Nachtfrösten und leider auch Ostwind hatten. Neben der tollen Luft und der Ruhe und Harmonie, hatte ich dann viel Zeit für die 2 Rezensionen (Kydd und Medusa s.aaO.) und


    Alex Capus 'Eine Frage der Zeit'

    Ein toller, wunderbar formulierter Roman über eine verrückte Aktion im 1.WK. Ein Dampfer wird durch Afrika in Kleinteilen befördert, an einem See zusammen montiert und soll als Bedrohung fungieren. Ein tatsächliches Stück Kolonialgeschichte. Sehr lesenswert!


    Alex Beer 'Der zweite Reiter'

    Ein packender Krimi im Wien des Jahres 1919 - ein sehr gelungener Reihenauftakt im Stil von Gereon Rath (Babylon Berlin) von Volker Kutscher. Lesesog Plus.


    Martin Selber '...und das Eis bleibt stumm'

    Der wohl erste Roman über die Franklin-Expedition aus dem Jahre 1955 von einem ehemals DDR-Autor. Ziemlich souverän erzählt, spanned und faktenkundig. Von der Expedion habe ich jetzt genug gelesen, langsam werde ich schon schneeblind...! Dennoch gut.


    Kay Jacobs 'Kieler Schatten'

    Schlechte Schreibe, aber für einen Kieler Jung ist das Lokalcolorit schon ansprechend. Ein Kieler kennt sich auch im Kiel 1918 aus! Nicht empfehlenswert für Süddeutsche (ab HH! 8o).


    Noch sehr viel schlechter: Erwin Resch 'John Quentin - Im Auftrag des Admirals' Das ist so ein Mist, dass nicht mal ein Amazon Link sein darf! Ich weiß, dass einige Forenmitglieder diesen Mist kennen: Ein Offiziersanwärter zwischen Mann und Frau in Kleidern...Ihr wisst schon. (An die Gräting mit dem Buch!)


    Und mittendrin bin ich in: Christoph Ransmayr 'Cox oder Der Lauf der Zeit

    Wie alle Romane von Ransmayr - wieder ein Knaller. Ganz wunderbare Prosa und eine souveränes Meisterwerk. Bin begeistert.

    Ich rieche Menschenfleisch. – Sie essen Menschenfleisch!


    Der österreichische Provokateur FRANZOBEL, geboren 1967, hat zugeschlagen. Zugeschlagen in der deutschsprachigen Literatur, und zwar mit einer Spaltaxt!
    Der 2017 erschienene Roman, knapp 600 Seiten lang, reiht sich nicht ein. Er polarisiert. Er sucht in der Gegenwartsliteratur seinesgleichen. Er verdichtet einen Stoff, den es schon mehr als 200 Jahre gibt. An diesen Stoff hat sich bisher nur der romantische Maler Théodore Gericault, der ein im Louvre hängendes, riesiges Gemälde im 19. Jahrhundert malte, gewagt. Es ziert das Cover des Romans. Nachdem offizielle Stellen, Verantwortliche, versuchten, die vermutete Wahrheit des Schiffbruchs der Medusa vor der afrikanischen Küste des Senegal zu unterdrücken, gelangten jedoch wesentliche Ereignisse der Tragödie aus verschiedenen subjektiven Quellen an die Öffentlichkeit. Aus diesen Quellen speiste Gericaultdie Idee für sein berühmtes Gemälde.
    Der Autor vermischt die tatsächlichen Fakten, die er sorgsam auch vor Ort recherchiert hat, mit einer überbordenden Fantasie zu einem provozierenden Gemälde.
    Die zugrunde liegende tatsächliche Geschichte ist als Plot schnell zusammengefasst. 1816 bricht die Fregatte Medusa auf, um Verwaltungsbeamte und Abenteurer in den Senegal zu befördern. Der Kapitän und seine Mannschaft sind schlecht vorbereitet und ausgebildet. Trotz bekannter Gefahren durch eine gefährliche Sandbank, havariert die Medusa genau dort. Zu wenig Rettungsboote nehmen zu wenig Schiffbrüchige auf, 147 Menschen retten sich auf ein riesiges, notdürftig gezimmertes Floß, und wenige verbleiben auf dem Wrack. Die Rettungsboote treffen an unterschiedlichen Stellen auf die afrikanischen Küste, ihre weitere Rettung nimmt unterschiedliche Wendungen (Gefangenschaft, Geisel etc.). Auf dem Floß massakrieren sich die Überlebenden und essen sich gegenseitig auf, bis nur noch 15 übrig bleiben.
    Zunächst soll dieser Schiffbruch verschleiert werden, doch die grausame Wahrheit kommt an die Oberfläche.
    A. Kosenina von der FAZ.net schreibt von '600 kurzatmigen durchfieberten Seiten' und fasst zusammen, es handle sich um ein 'unaufhörliches Trommelfeuer schockierender, grässlicher, monströser Szenen'.
    Viele Szenen werden aus der Figurenperspektive des Schiffsarztes Savigny, der oft mit wissenschaftlicher Objektivität und unterkühlt die Szenen erlebt und kommentiert. Ihm zur Seite flüchtet der Junge Viktor vor dem sadistischen Koch und seinem fetten Helfershelfer.
    Franzobel bedient sich bei seiner oft tragikkomischen Schilderung mit zynischer Überhöhung vielfältiger moderner Erzähltechniken, und dies ist kein Selbstzweck oder Spielerei. Das ist eine vortreffliche (vielleicht einzige) Möglichkeit, das schier Unvorstellbare zu bannen, es beschreibbar zu machen. Es gibt eine Erzählerperspektive, erlebte Rede, Figurenrede, Bewusstseinsströme, Albtraumsequenzen und übergeordnete Kommentare.
    Die vielen Figuren werden oft in ihren Besonderheiten, Eitelkeiten und Verrücktheiten kunterbunt dargestellt. Hier herrscht blanker Sarkasmus. Das ist oft sehr sehr witzig, bis dem Leser das Blut gerinnt und der Atem stockt.
    Die letzten 200 Seiten schildern Kämpfe, Metzeleien, Morde, Amputationen (freiwillig und unfreiwillig) und verschiedene Formen des Kannibalismus.
    Es ist die reine Frage der Theodizee. Wo ist Gott? Wer ist Gott? Wie kann so etwas passieren?
    Hinter allem Menschlichen und aller menschlichen Kultur verbirgt sich ein krudes Raubtier.


    V. Weidermann vom Literatur-Spiegel fasst sehr treffend zusammen: 'Eine gigantisch böse, komische, 'tarantinoeske', historische Splatterkomödie.“
    Dennoch ästhetisiert Franzobel das Böse nicht unkommentiert (wie wir es oft bei Tarantino erleben).


    Ich selbst habe vor dem Gemälde von Théodore Gericault 1988 gestanden. Ich kannte die historischen Hintergründe nicht. Meine Leidenschaft für marinehistorische Geschichten schlummerten noch. Und dennoch faszinierte mich das Gemälde so sehr, dass ich die damals gekaufte Postkarte noch immer verwahre.

    Einmal um die Welt in 400 Seiten


    Julian Stockwin: Kydd – Bewährungsprobe auf der Artemis


    Mit dem 2. Band seiner vielbändigen maritimen Bestsellerserie um den zunächst vor dem Mast fahrenden Seemann Kydd legt uns der britische Schriftsteller Julian Stockwin wiederum ein knallbuntes Abenteuer vor, dass erneut von Matthias Jendis übersetzt wurde. Die Erstausgabe erschien 2002.
    Zunächst soll hier der weltumspannende Inhalt kurz wieder gegeben werden.
    Als ehemaliger Leichtmatrose auf einem Linienschiff finden wir den Perückenmacher Kydd nun wieder als Vollmatrose auf der ambitionierten Fregatte Artemis.
    Im Kapitel 1 taucht nach 20 S. ein Segel der französischen Citoyenne über der Kimm auf. Ein kurzes, heftiges Fregattengefecht entscheidet die Artemisnatürlich für sich. Dieses Gefecht ist historisch motiviert und dem Kampf der Nymphe und Cleopatre nachgestaltet. In Kapitel 2 kommt der König Georg III an Bord, um Prinzessin Sophie von Mecklenburg das erfolgreiche Schiff vorzustellen. Der King samt Princess sprechen mit Kydd, so dass die junge schöne Prinzessin gleich zu Kydds Prinzessin wird (!). Ein Landgang der Matrosen besteht aus Saufen, Prahlen, Huren, Tattoos (fast) und Kleidung-Shoppen. „Schick wie 'ne Ratte mit Goldzahn“ (S.63).
    Im dritten Kapitel besuch Kydds Schwester Cecilia ihren Bruder. Sie himmelt ihn an und hat eine märchenhafte Vorstellung vom Leben an Bord eines ruhmreichen Kriegsschiffes. Beider Vater wird alt, Kydd soll seinen Dienst quittieren und der Ernährer der Familie werden.
    4. Der Abschied von der Navy gelingt problemlos. Ein berühmter Fregattenkapitän wie Black Jack Powlett findet immer neue Leute. Kydd reist zu seinen Eltern, sein Bordkumpel, der Intellektuelle Renzi besucht ihn. Weil Kinder schlecht erzogen sind, gründen Kydd und Renzi eine Schule nach Marinetradition mit einer ausgedienten Teerjacke als 2-tem Lehrer neben Kydd selbst. Cecilia findet zufällig auf einem Dorfball einen Mann, der Lehrer werden will und nun Kydd in dieser Eigenschaft ersetzt, so dass er zurück zur Artemis und zur See kann.
    5. Zunächst segeln sie Richtung Indien. An Afrika vorbeigesegelt. Dort riecht es nach faulig verrotteten Pflanzen, Afrikas berauschender Geruch. Ein Blitz nebst Gewitter verschmort 3 Matrosen in der Takelung. Ein Possentheater (mäßig witzig!) als Äquatortaufe mit König Neptun.
    Im sechsten Kapitel kommen die Helden in Indien an. Ein Sondergesandter soll nach Peking, zum Kaiser von China begleitet werden, so dass im 7. Kapitel 18 Personen zusätzlich nach Kanton/China von der Fregatte Artemis aufgenommen werden müssen, obwohl im Geleit ein stattlicher Kauffahrer der Ostindischen Kompanie fährt. Dabei sind einige Frauen in galanten Kleidern.
    Im portugiesischen Macao verliebt sich Kydd in Sarah Bullivant, die ihn nach einem Schäferstündchen heiraten will. Das will Kydd aber nicht, sondern weiterhin den Auftrag, ein britisches Handelsabkommen mit China schließen, ausführen. Dazu werden er und Renzi im nächsten Kapitel zu Steuermannsmaaten befördert (Kap.9). In der Bucht von Manila kommt Edward Hobbes an Bord. Der Wissenschaftler / Astronom weist sich aus im Dienste des Königs von England beauftragt zu sein, so dass die Artemis nun 2000 Seemeilen zu einer Insel fahren muss, die auf der gegenüberliegenden Seite von Greenwich liegt, damit dort wichtige Messungen vorgenommen werden können. Auf dem Weg dorthin weisen einheimische Lotsen den Weg nicht durch ein Riff, sondern auf ein Riff zu, um die Artemis auszuplündern. Das wird vereitelt. Im 10. Kapitel nimmt die Besatzung Kontakt auf zu einheimischen Inselbewohnern und deren Kindern. Auf der Insel Nukumea wird die Artemis kielgeholt, weil sie repariert werden muss. Kriegerische Einheimische suchen zunächst friedlichen Kontakt. Waren und einheimische Schönheiten werden bereit gestellt. Kydd hat romantische Liebe. Renzi will für den Rest seines Leben bei den Einheimischen bleiben, wird aber im letzten Moment von Kydd und anderen Kumpels gerettet. Da hilft auch seine Leidenschaft für Rousseau, Locke und Diderot nichts. Der Zwiespalt zwischen der Natur und künstlich Geschaffenen (Kultur) ist offensichtlich unüberbrückbar. Renzis Wünsche, die Wilden in ihrer natürlichen Unschuld kennenzulernen, scheitern, denn zur vermuteten Unschuld gehört auch krude Gewalt. Die Wilden greifen in Kapitel 12 an, die Briten können fliehen, die astronomischen Aufzeichnung gehen verloren.
    Sie segeln sturmumtost um Kap Hoorn und landen an der brasilianischen Küste, um die Wasserfässer aufzufüllen. Dann bricht das Gelbfieber aus. Der Arzt ist verrückt und unfähig. Der Kapitän stirbt und die Offiziere streiten sich. Im Nordatlantik kommt ein Sturm auf, die Artemis erleidet Schiffbruch an einer unbekannten Insel.
    Der Autor schenkt uns ein Nachwort.


    Diese Story quillt über von viel zu vielen Vorkommnissen. Das Material hätte für 10 Bände reichen können. Hier wird es hintereinander her und mehr aneinandergereiht aufgeführt, denn erzählerisch verdichtet oder in Abhängigkeit motiviert und ästhetisch gestaltet. Das ist sehr schade! Hier hat der Autor zu viel gewollt und sich an der Fülle des Stoffes oberflächig abgearbeitet. An wirklich kaum einer Stelle der Story entwickelt sich eine Tiefendimension in der Gestaltung von Gedanken, Erlebnissen, Humor oder der Personen an sich. Alles ist oberflächig gewollt und wenig gekonnt. Kydd als Matrose vor dem Mast wird zwar befördert, aber entwickelt sich überhaupt nicht als Person. Er produziert flache, oberflächige Gedanken und Sätze. Sein intellektueller Freund Renzi liest zwar schlaue philosophische Bücher, aber zu eine Darstellung oder Diskussionen einzelner These verführt er uns nicht. Auch das sind verpasste Chancen. Zudem ist die Vielfältigkeit der Erlebnisse in dieser einen Fahrt kaum nachvollziehbar. Auch wird nicht deutlich, warum 18 Personen auf der engen Fregatte fahren, währenddessen ein bequemes Handelsschiff folgt! Vieles haben genrekundige Leser schon an anderer Stelle gelesen und meistens in besserer Qualität.
    Ist es dem Autoren Stockwin nicht bekannt, dass es sich in eine Reihe stellen und den Vergleich aushalten muss mit den vielen Autoren marinehistorischer Literatur, die vor ihm Romane veröffentlicht haben? Sind dem Autoren Stockwin diese Romane bekannt? Man mag meinen, eher nicht!


    Auch sprachlich ist dieser 2. Band immer wieder am Scheitern. Einige Zitate mögen die platten Formulierungen plakatieren: „Die Sonne schien wie zuvor, die Brise zauste spielerisch Kydds Haar, aber aus dem Nichts war der Tod gekommen und hatte geholt, was ihm zustand“ (S.330).
    Wahrscheinlich war es ein naher Vulkan, der den verheißungsvollen Sonnenuntergang so blutig rot färbte“ (S.288).
    In diesem Augenblick mochte er den letzten Blick seines Lebens auf sein Mutterland werfen“ (S.130).
    Es war Seemannschaft auf einer anderen, höheren Ebene, die den Männern mehr abverlangte, aber sie passten sich rasch an“ (S.20).
    Das sind Sätze voll von schwülstigem, triefendem Pathos oder unverständlichen Zusammenhängen oder Wahrnehmungen. Hierbei ist es auch nebensächlich, ob diese Primitivität vom Autor oder Übersetzer herrührt, das Ergebnis ist bleibt dürftig.


    Und noch ein weiterer Aspekt muss angeführt werden, der leider auch schwerwiegend zur fehlenden Qualität beiträgt: Es fehlt dem Roman, der Geschichte, den Personen und auch dem allwissenden Erzähler an Humor. Das ist nicht entschuldbar und führt dazu, dass ein zäher Text zu einer ermüdenden Lektüre verkommt.


    In seinem Nachwort bedankt sich Stockwin für die Unterstützung und den Rat seiner Frau, der er vermutlich als 'Herrin seines Herzens' dieses Buch gewidmet hat, mit der er auf vielen Spaziergängen die Handlung und Figuren besprochen hat. Vielleicht haben sie sich manchmal verlaufen? Oder hat das Lektorat versagt? Oder beides? So scheint es.
    Das Lesen des 3. Bandes verschiebt sich auf ungewisse Zeit!

    Die Volker Kutscher Serie habe ich bis auf den letzten Band auch durch. Bin ja s0nst nicht so der Krimi-Seher-Leser-Hörer. Aber diese Reihe hat mich sehr überzeugt!!!
    Vielleicht haben es einige bemerkt, dass ich z.Zt. keine / wenige Rezensionen geschrieben habe. Das hat auch wenigstens 2 Gründe.
    Ich lese z.Zt. Stockwin - Kydd - 2. Bd. - 70 S. vor dem Finale. Enttäuschend, bin kaum motiviert zu Ende zu lesen. Mache ich natürlich und dann gibts auch wieder eine Rezi.
    Dann arbeite ich mit einem Freund an einem Postkarten-Prosaminiaturen-Buch. Ich kann euch sagen: Sütterlin ist echt schwer zu lesen und oft kommt dann noch eine individueller Stil dazu. Ich habe sogar Steno übersetzen lassen.... Ich selbst kann ja nicht mal Englisch richtig gut, Französisch gar nicht, OK Latein. Das hilft mir bei Postkarten von 1890-1975 eher wenig.


    Ich feiere aber natürlich das Saarpirat-Röspiel-Speicher!!! :huzzah:

    @ Lord Croidon: Die Aubrey/Maturins sind da? Und du kommst nicht zum Lesen? Ein Geburtstags- / Weihnachtswunsch! Schicke deine Fernbedienungen für TV u.a. an deine Eltern zum sicheren Verbleib. Nimm den ersten, x-Band dieser hier zurecht in den Götterhimmel gelobten Serie und beginne damit ein neues Leben im 19 Jhd. Viel Spaß dabei. Wenn wir an deinen Schlemmereien oder Realitätsverschiebungen teilhaben dürfen, sind wir gespannt. Es gibt so viel Witziges und Unterhaltsames, das wir gar nicht genug erinnern können. toll, dass du das noch vor dir hast.....
    nav5

    Das ist ja eine interessante Neuentdeckung! Ich habe von diesem Roman überhaupt nichts mitbekommen. Vielen Dank für die kritische Rezension. Es kommt ja leider doch häufiger vor, dass Bücher im Selbstverlag dann handwerkliche und inhaltliche Mängel aufweisen. Zeitreiseromane haben in der Tat eine lange Tradition, ohne dass sie an Reiz einbüßen. Ob ich auf die Jagd auf den Schwarzen Wal gehe, zunächst wohl eher nicht; ich muss erst noch ein paar andere Romane erlegen...

    Backskamerad vorm Bordkamerad, Bordkamerad vorm Fremden, Fremder vorm Hund“.


    Julian Stockwin 'Kydd, zur Flotte gepreßt'


    2001 erschien dieser Erstling eines literarisch unbedarften neuen Autors marinehistorischer Romane. Julian Stockwin, 1944 in der Grafschaft Hampshire geboren, wurde mit 14. Jahren auf der Seemannschaftsschule der Indefatigablegeschickt. Mit 15 Mitglied in der Royal Navy, später Mitglied in der Royal Australien Navy. Seine Seefahrten führten ihn um den Globus. Als Teilnehmer im Vietnam-Krieg als Teil einer Flugzeugträgerflottille, verließ er danach den aktiven Dienst. Mit Orden dekoriert lebte er zunächst als Reservist in Hongkong, heute in Guildford, südlich von London.
    Thomas Kydd wird von einer Preßtrupp aus seiner heimischen Komfortzone herausgerissen und an Bord des 98 Kanonen bestückten LinienschiffesDuke Williamverschleppt. Die Royal Navy braucht Matrosen und holt sie sich, hier einen echten Landlubber, eine Perücken- und Hutmacher. Tief verstört wird er an Bord einer Backschaft zugeordnet und in seine Musterrolle eingewiesen. Decksdienst, Gefechtsbereitschaft, Segelaufgaben. Man verlacht ihn ob seines Berufes und er muss alle Demütigungen ertragen, die ein Luvschieter aushalten kann. Am Spill darf er den Anker eindrehen. Das ist anstrengend und fordert die Muskulatur, die Kydd noch nicht hat. Jo Bowyer ist eine erfahrene Teerjacke, der Tom unter seinen Schutz stellt. Er führt ihn in alle überlebenswichtigen Tätigkeiten und Handlungsabläufe ein, schafft es sogar, den unerfahrenen Kydd mit in die Masten und Rahen zu nehmen. Kydd erweist sich als schnell Lernender. Doch völlig überraschend stürzt der erfahrene Freund beim Segelmanöver ab und stirbt. Kydd ist nicht lange alleine, ein schweigsamer Matrose namens Renzi sucht seine Kontakt auf der Mars-Plattform. Der Einzelgänger outet sich als an Freundschaft interessierter Matrose. Vermutlich adliger oder großbürgerlicher Herkunft gewinnt Renzi eine Flasche Wein beim erfolgreichen Übungsfechten mit einem Leutnant. Renzi erstrebt Abbitte ob seines korrupten Vaters, der seine Lehensleute unterjocht und ausnutzt. Dafür hat sich Renzi eine selbst erwählte Strafe ausgesucht – 5 Jahre in der Navy. Kydd konnte sehr gut Muskete-Schießen. An Bord wurde trainiert.
    Es kommt zu einer Seeschlacht mit französischen Linienschiffe, die einen hohen Blutzoll kostet und unentschieden endet. Die französischen Schiffe können Brest sicher erreichen, das war ihr Ziel.
    Das große, marode Linienschiff hat einen inkompetenten Kapitän, der jedoch auch noch Reste von menschlicher Würde aufbringen kann. Im Gegensatz dazu der brutale und schindende 1. Offizier Tyrell. Der lässt gerne auspeitschen. Dazu haben wir an Bord noch einen Fähnrich von fast 30 Jahren, der wohl kaum noch die Leutnantsprüfung bestehen wird, dafür aber Matrosen und Untergebene grundlos schindet und daraus Selbstwert ableitet. Ein ganz mieser Typ, der in vielen Romanen über die Marine auf See auftaucht. Dieser miese Typ setzt den Impuls, der die folgende Handlung bestimmt. Er lässt Kydd, der nach 6 Monaten zu einem gutem Matrosen herangereift ist, aus nichtigen Gründen auspeitschen. Der Rücken verheilt, der seelische Schmerz nicht. Kydd und Renzi nutzen die Chance der Flucht, als eine Brigg Pulver und Kugeln übergibt, zur Flucht. Die gelingt. Die Brigg wird von Franzosen gekapert, aber von Kydd und Renzi zurückerobert. Sie begegnen erneut dem britischen Geschwader, werden wieder an Bord genommen, aber dann der Fregatte Artemisübergeben, um einen Neuanfang zu ermöglichen. Das war ein Höllenritt: Ausgepeitscht – Desertieren und Pläne für die Flucht vor der Navy – dann das eigene Leben retten und den Weg zurück zur Flotte als richtig einzuschätzen. Überleben, der Navy treu bleiben. Wow!
    Soweit der Plot in Kürze.
    Der Roman wird zurecht gelobt dafür, dass wir hier erstmalig einen 342 Seiten Text lesen können, der ausschließlich die Perspektive eines/mehrerer einfacher Matrosen auf einem großen Linienschiff lenkt. Aus dieser bisher nie erlebten Perspektive sehen wir ein rottes Holzschiff mit vielen sehr einfachen Matrosen und Abläufen, die die einfachen Matrosen nur ansatzweise verstehen. Brauchen sie ja auch nicht – sie müssen ja nur gehorchen. Die Befehlskette der Maaten, Bootsmänner, Fähnriche und Offiziere ist für diese Menschen eine Welt jenseits ihrer eigenen. Was von dort kommt, ist Gott, der Kapitän, oder grobe Ungerechtigkeit in Verkörperung des 1. Offiziers und seines Offizierkorps.
    Stockwin hat es gut sprachlich eingefangen (als wäre er / als wären wir dabei gewesen!). „Deine Zunge liegt wohl beigedreht unterm Sturmklüver, was?“
    Mehr als 'n Dutzend hätte Pat nie nich' kriegen dürfen“.
    Stockwin will uns über seine Figur Renzi ein wenig anregen über die zeitgenössischen geisteswissenschaftliche Zusammenhänge nachzudenken. Dafür lässt er uns Renzi über Leibnitz und Descartes stolpern.


    Exkurs:Gott hat unter allen möglichen Welten die beste geschaffen. Da er allmächtig, allwissend und allgütig ist, musste er das auch. Die in der Welt vorkommenden Übelstehen dem nicht entgegen. Leibniz unterscheidet sie nach drei Typen:
    1. Metaphysisches Übel: Das metaphysische Übel bzw. Elend besteht in der Endlichkeit der Welt. Dieses wäre wohl nicht zu vermeiden, wenn Gott eine perfekte Welt schaffen wollte.
    2.Physisches Übel Leiden und Schmerzen gehen mit einer gewissen Notwendigkeitaus dem metaphysischen Übel hervor, da geschaffene Wesen zwangsläufig unvollkommen sind.
    3. Moralisches ÜbelEin geschaffenes Wesen hat die Möglichkeit zu fehlen bzw. theologisch formuliert zu sündigen, da Gott ihm die Gabe der Freiheitverliehen hat.Nach Leibniz gibt es keinen Widerspruch zwischen Determinismus und Freiheit.


    Obwohl mit der Wahl der Welt jede Handlung eines Menschen zum Beispiel vollständig unverrückbar festliegt, so ist die Tatsache, dass sich ein Mensch in einer Situation so und nicht anders verhält, völlig frei (im Sinne von unvorhersehbar). Dass sich ein Mensch so verhält (so verhalten würde), ist gerade der Grund, warum die Welt gewählt wurde. Ein anderes Verhalten wäre entweder logisch nicht möglich (nicht kompatibel mit dem Rest der Welt) oder würde eine moralisch schlechtere Welt bedingen.


    Das sind überlegte Hinweise.
    Und die Cromlechs, die Dolmen der Bretagne, Hünengräber, zeigen, dass Stockwin sich in die Historie hineingelesen hat und Zusammenhänge sehen will und literarisch nutzt. Das ist ehrenwert.
    Wir lesen einen ambitionierten Erstling eines Autors, der noch 15 Bände folgen lassen wird. Dieser erste ist mehr als gelungen, wir können ihn sogar feiern, weil hier ein einfacher Matrose den Fokus bestimmt. Das ist für das Genre neu und spannend. Ob die Darstellung des Trepanierens eines Schädels als Hommage an PoB aufgefasst werden will, oder für die eigentlich flüssig und spannend erzählte Geschichte notwendig war – kann der Leser selbst entscheiden.
    Das Lesevergnügen lässt gerne zum 2. Band greifen.


    Das ist MEISTERLICH! Grandios.
    Allein die Fotos sind schon eine Augenweide.
    Ein neuer Schiffsbaumeister erweitert die Riege der hier schon versammelten Gr0ßmeister.
    Ich bin fast fassungslos ob der handwerklichen Präzision, deiner, aber auch aller anderen Bastel-Meister.
    Als Kind/Jugendlicher habe ich hunderte Plastikmodellbausätze von Revell, Airfix, Heller geklebt und bemalt.
    Mittlerweile habe ich eine komplette kleine Tischlerei am Haus.
    Ich würde mich nicht trauen, was ihr hier präsentiert!!!
    Chapeau!!!!!!!
    fr37

    1. Die Tatsache, dass er mit seiner Gefolgschaft innert nur einer Stunde aus der Herberge flüchtet, im Hafen eine Schebeke kapert, diese auftakelt (mit nur 6 Leuten) und auf die offenen See segelt. Und das alles ungesehen.

    Vielleicht handelt es sich hier im Besoderen um die Entdeckung eines neuen ZEITMASSES?


    Ramage pro Stunde = Ra / h


    Das würde dann bedeuten:
    Herberge flüchen (1), Schebeke kapern (1), Schebeke auftakeln (1), Lossegeln (1) = 4 Ra/h


    Das wird später noch getoppt: Ramage entführt 12 Handelsschiffe....


    :thumbsup:

    Zwei Dinge stören mich etwas sehr.
    1. Die Tatsache, dass er mit seiner Gefolgschaft innert nur einer Stunde aus der Herberge flüchtet, im Hafen eine Schebeke kapert, diese auftakelt (mit nur 6 Leuten) und auf die offenen See segelt. Und das alles ungesehen.
    2. Dass die Spanier eigentlich im gesamten Band als absolute Vollidioten dargestellt werden, die qausi aus Feigheit sich den Franzosen anschliessen, aber nichts zustande bringen.

    1. Ja, wir erleben die Geburt eines Superhelden mit Knalleffekt. Was lässt sich alles in einer Stunde bewerkstelligen? Was Lord Ramage mit seinem Team schafft, das ist ja wirklich unvorstellbar!!!???? Unvorstellbar aber nur dann, wenn wir Leser das Zeitkontingent der damaligen oder auch heutigen Realität zu Grunde legen. Das muss aber Literatur gar nicht wollen. Gemessen an den Ergebnissen, die heut zu Tage ein Marvel-Held in einer Stunde vorzuweisen hat bis die ganze Welt gerettet wird mit tausend einfachen-überaus komplizierten Einzelheiten - da zaubert doch das Erbegnis von Ramage uns ein Lächeln ins Gesicht. Später gehört ja auch das Fregatte-Kapern zu den Spezialitäten der Heldentaten des Lord Ramage.


    2. Bei Pope sind Spanier Vollidioten, die zumeist mit den noch volleren Vollidioten, den Franzosen, eine offensichtlich besondere Spezies darstellen: Blöd, versoffen, ignorant, bocklos, dienstmüde, verbraucht. Diese Charakterisierung lässt die wahren Helden: Ramage und eigentlich fast alle Engländer so erstrahlen, dass niemals ein Dunkel so dunkel ist, dass die Helden nicht den Weg zum Erfolg finden können. Das hat Pope ganz genau so gewollt - auch das zaubert uns Lesern doch wieder ein Lächeln ins Gesicht. Auf der einen Seite dich absolut dumme und dumpfe Marinehierarchie (Dons und Frogs) - auf der anderen Seite die tradionelle Marinehierarchie der Engländer. Immer klar, logisch, nachvollziebar, gewitzt und nobel.


    Auch das - Popes Weg. Das bleibt auch so!
    Und immer wieder kommen mir bei dieser Schwarz/Weiß- Zeichung der Parteien viele Gedanken, wie man diesen schönen Stoff verfilmen könnte, in jedem Fall knallbunt, überzogen, witzig und spannend.

    Das Meer, das graue Meer – das große blaue Nichts“


    Pierre Loti 'Islandfischer'


    1886 erscheint der Roman die 'Islandfischer' in der französischen Zeitung Nouvelle Revue. Er wird ein Bestseller des 1850 in Rochefort geborenen Autors Pierre Loti. Loti war ein französischer Marineoffizier und sehr erfolgreicher Schriftsteller des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Als Vertreter des Fin de siècles wird er literarisch dem Exotismus bzw. Orientalismus zugerechnet, was er inhaltlich in seinen Romanen und äußerlich durch zahlreiche Reisen untermauerte. Wie Paul Gauguin zieht es ihn in die Karibik, nach Tahiti, nach Indien und China. Die Menschen sind auf der Suche nach Lebenssinn, sie bereisen die Welt. Stilistisch ist er dem romantischen Impressionismus verpflichtet. Aus heutiger Sicht finden sich antiquierte Bilder und Sätze, die entweder manieriert wirken, oder aber auch als einfach schön gelesen werden können. Obwohl er zu den meistgelesenen Autoren der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert zählte, ist er heute weitgehend vergessen. Etwa 10 Romane wurden ins Deutsche übertragen, wesentliche liegen auch heute neuübersetzt vor, andere sind nur antiquarisch erhältlich. Die vorliegende Ausgabe von dtv ist sehr stimmig von D. Hemjeoltmanns und O. Schulze übersetzt. Ein Nachwort von S. und M. Farin kommentiert den Roman und bettet ihn ein in das Werk des Autors, zeigt aber auch inhaltliche Perspektiven auf.


    Es gilt hier einen Klassiker neu zu entdecken.
    Drei Hochzeiten und zwei tote Bräutigame. Das klingt nach Krimi oder Komödie. Beides sind die 'Islandfischer' eindeutig nicht. Wir haben es mit einer doppelten Tragödie zu tun. Die beiden Freunde Yann und Sylvestre sind beheimatet in Ploubazlanec nahe Paimpol an der rauen bretonischen Küste. Wie ihre Vorfahren sind sie Islandfischer, das sind starke junge Männer, die im Frühling mit einer guten Golelettes (Zweimaster) aufbrechen, um vor Island bei Sturm und Kälte Dorsche zu fangen mit langen Angelleinen. Zurückgekehrt wird im Herbst, um den Fang zu verkaufen und einen strengen Winter mit der eigenen Familie oder einer Familiengründung zu verleben. Während der noch junge Sylvestre hofft, nach seiner Militärzeit die Schwester Yanns heiraten zu dürfen, wähnt sich Yann nur dem Meer verpflichtet. Seine Hochzeiten an Land „dauern nur eine Nacht oder auch nur eine Stunde, es kommt drauf an“. Wir werden Zeugen des Fischfangs vor Island unter härtesten Bedingungen. Die Beschreibung eines heftigen Sturms vor Island sucht in der maritimen Literatur ihresgleichen. Auf sechs Seiten verschlingt dieser Orkan nicht nur das Fischereisegelboot und seine wackere Besatzung, die dem Sturm ein französisches Seemannslied entgegenschmettern, sondern auch der Leser ringt bildlich und emotional ums Überleben. „Festgebunden standen sie beide weiterhin am Ruder in ihren Südwestern, die hart und schillernd waren wie Haifischhaut; sie hatten sie dicht am Hals mit geteerten Bindfäden zugeschnürt, genau wie an den Handgelenken und Knöcheln, damit kein Wasser eindringen konnte. Es lief über sie hinweg, und sie krümmten den Rücken fest, um nicht umgeworfen zu werden. Ihre Gesichtshaut brannte, und alle Augenblicke blieb ihnen der Atem weg. Nach jeder schweren Sturzwelle schauten sie sich an, lächelten über das Salz, das sich in ihren Bärten angesammelt hatte“ (S.61).
    Zurückgekehrt in die Bretagne wird die Fischereiflotte (30 Schiffe) und deren Fänge gebührend gefeiert. Dabei ist auch Gaud, eine sehr hübsche Bretonin, die mit ihrem reichen Vater nach Jahren in Paris zurückgekehrt ist. Mit Yann vertanzt sie eine ganze Nacht in romantischer Harmonie. Züchtig trennt man sich. Den ganzen Winter über beachtet Yann Gaud dann nicht mehr. Das schmerzt das junge Mädchen, sie schmachtet. Sylvestre hingegen wird zum Militärdienst bei der Marine eingezogen und mit Dampfkraft geht es durchs Mittelmeer, den Suez-Kanal an Arabien, Indien vorbei bis nach China, das gegen Frankreich einen Krieg führt (1885). Dort wird Sylvestre schwer verwundet und auf dem Lazarettschiff Richtung Heimat verstirbt er. Zum Heiraten und zur Familiengründung kann es nicht mehr kommen. Dieser Islandfischer ist fortan tot.
    Noch eine weitere Islandfahrt muss Gaud abwarten und schmachten, erst dann, als sie durch den Tod ihres nicht reichen, sondern mittlerweile armen (Spielschulden) Vaters verarmt ist, nähern sich Yann und Gaud wieder an, so dass eine schnelle Hochzeit arrangiert wird.
    Für den nach Happy-End dürstenden Leser scheint nun alles gut: Endlich haben sich die Liebenden gefunden und finden zueinander – nach einem langen, kurvigem Weg. Der schöne Yann heiratet die schöne Gaud. Perfekt!
    Eine sehr aussagekräftige Szene: „Und das große Grab der Seeleute war ganz nahe, wogend, verschlingend brandete es gegen die Felsen mit immer gleich dumpfen Schlägen. Eines Nachts würde er dort hineingeraten...sie wussten es beide....Unwichtig! Für den Augenblick waren sie auf festem Boden, geschützt vor diesem unnützen Toben, das sich gegen sie selbst wandte. Doch in ihrer schlichten, dunklen Hütte, durch die der Wind ging, gaben sie sich einander hin nicht fragend nach Leben und Tod, berauscht, wundersam verführt von der ewigen Magie der Liebe“.
    Doch etwas ist gegen diese Liaison. Yanns eigentliche ewige Braut mischt sich ein. Da braut sich von Seeseite etwas zusammen. Ein Sturm kommt auf, so dass die Hochzeitskapelle kaum betreten werden kann. Stürmische Vorzeichen.
    Dies wird auch immer wieder typisch symbolisierend gestaltet. Gaud wartet später auf ihren Isländer-Mann auf einem vorschießenden Felsen mit einem riesigen Granitkreuz! Die zweite Tragödie beginnt.


    Die insgesamt 55 kleinen Kapitel, verteilt auf 5 Teile, zwingen den Leser immer wieder innezuhalten. Es gibt also viele Pausen, die einen ruhigen, sprachlich schönen Erzählstil unterbrechen. Zunächst sind wir inhaltlich bei den beiden Freunden und erleben die Dorsch-Angelei. Dann finden wir uns wieder, als Gaud für Sylvestres Mutter einen Brief aufsetzt, den sie Sylvestre schicken beabsichtigt. Eine Rückblende verdeutlicht Gauds Leben in Paris. Ihre Perspektive bestimmt dann weitere Kapitel, die das einfache, arme Leben in den Dörfern der Bretagne darstellen. Dann begleiten wir Sylvestre bis nach China in seinen Tod.
    Die Kapitel erzeugen einen entspannten Lesekomfort. Selbst die Dramatik des Sturms liest sich in dem Bewusstsein, nach dem Sturm folgt sicher, ganz sicher die Ruhe!
    Es ist weniger die Gestaltung der Geschichte und auch nicht die Geschichte selbst, die diesen Roman faszinierend lesen lassen. Das Thema des Romans sind nicht die tragischen Figuren und deren Verflechtungen und auch nicht die Darstellung von Fischfang und Armut an der Küste.
    Nein, das herausragende Thema des Roman ist das MEER selbst. Das Meer bestimmt in seiner Grenzenlosigkeit das Leben der Menschen, ihre Moral, gerade bei jenen, die in Verbundenheit mit ihm leben. „Eine Art heidnischer Devotion. Es ist die elementare Gewalt des Meeres, um die alles kreist, die diesen Roman zu einem Meisterstück gleichermaßen furioser wie kontemplativer Anschaulichkeit erhebt (…) Das Meer, Inkarnation größter Vitalität, ist lebensspendend und todbringend zugleich. Es entlädt sein gewaltiges Übermaß an Energie in fürchterlichen Stürmen und entfaltet dabei seine sowohl schöpferische wie apokalyptische Kraft. Es teilt die Finsternis und erschafft eine neue Welt, doch es übergibt sie 'totgeboren': die Sonne scheint auf sie hernieder 'wie ein toter Stern'. Der Tod, das universelle Schicksal, lastet auf ihr“, so lesen wir im Nachwort. Dem ist nichts hinzuzufügen.


    https://www.bretagne-tip.de/in…cherei-paimpol-island.htm