Literatur Februar 2016

Literatur-Vorstellung Februar 2016:

Frank Adam: Herrscherin der Meere – Die britische Flotte zur Zeit Nelsons

Wir schrieben das Jahr 1998. Auf der anderen Seite des Atlantiks wurde gerade Google gegründet und auf dem deutschen Markt trat erstmals ein Unternehmen namens Amazon auf. An einem Samstag dieses Jahres betrat ich die Buchhandlung meines Vertrauens am Berliner Ernst-Reuter-Platz und hielt dort plötzlich ein Buch in den Händen, das Antworten auf alle Fragen zu meinen Lieblingsromanen enthielt.

Auf 336 sehr schön gestalteten Seiten erklärte mir Frank Adam (bürgerlich: Karlheinz Ingenkamp) alles Wissenswerte zu Nelsons Navy, zu ihren Schiffen, zu den Männern, die in ihr dienten und zu den wichtigsten anderen Kriegsflotten jener Zeit. Das eröffnete mir eine völlig neue Sicht auf die Geschichten von Patrick O´Brian, Dudley Pope und anderen – denn das Buch bot auch einen guten Überblick über die wichtigsten Autoren marinehistorischer Romane; wobei der Schwerpunkt natürlich auf der historischen Gegenwart lag, denn wir befanden uns ja im Goldenen Zeitalter dieses Genre und Frank Adams Herrscherin der Meere war das deutschsprachige Standardwerk dieser Zeit.

18 Jahre später mag sich die Sicht auf das Buch geändert haben. Informationsquellen, von denen Frank Adam nur träumen konnte, sind heute lediglich einen Mausklick entfernt und die englischsprachigen Fachbücher zu unserer Zeit, von denen Frank Adam einige nutzte, ebenso. Jeder kann nun selbst nachvollziehen, welche Quellen Frank Adam genutzt hat und man kann sich auch daran ereifern, wenn er Falsches kritiklos in sein Buch übernahm. Und natürlich kann man sich darüber aufregen, dass er sehr kritisch mit seinen Kollegen ins Gericht ging, selbst St. Patrick blieb nicht von ihm verschont, während er zu seinen eigenen Romanen eine sehr wohlwollende Besprechung in das Buch aufnahm.
Aber, liebe Leser, seid mal ganz ehrlich zu euch selbst: Was würdet ihr tun, falls Ihr überhaupt dazu in der Lage wäret, selbst solch ein Buch zu schreiben? Einen Verriss der eigenen Werke aufnehmen? Wohl kaum!

Was bleibt von Herrscherin der Meere, diesem wunderbaren Buch, das leider nur noch antiquarisch erhältlich ist? Es war ein Meilenstein für die Freunde marinehistorischer Literatur und ein Türöffner für viele englischsprachige Fachbücher von Lavery, Winfield & Co. Wenn ich heute recherchiere, verwende ich diese sicherlich eher, denn sie können inzwischen von Quellen profitieren, die Frank Adam damals verschlossen waren. Trotzdem nehme ich Herrscherin der Meere immer noch gern in die Hand und das nicht nur wegen seiner liebevollen Gestaltung, denn es bleibt bis zum heutigen Tag das unbestreitbar beste deutschsprachige Buch zu unserem schönen Hobby.

Speedy

 

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