Was lest ihr gerade?

  • Habe gerade einen weiteren Roman einer in Deutschland weitgehend unbekannten Autorin. Inzwischen würde ich sie zu meinen Lieblingsautoren zählen: Josephine Tey, gestorben 1952. In Großbritannien gehört sie zu den Great Ladies of Crime. In "Miss Pym Disposes" passiert über weite Teile des Buches nichts, was auf einen Krimi deuten würde. Aber in der Schilderung des Lebens in einem College für angehende Sportlehrerinnen werden in brillianter Erzählkunst alle Figuren höchst lebendig, und wenn dann ein Unfall passiert, der sich als Mordanschlag herausstellt, findet sich die Hauptfigur in einem moralischen Dilemma. Sehr lesenswert.

    Das Buch "Daughter of Time" (deutsch: "Alibi für einen König") ist für den historisch interessierten noch spannender. Teys Ermittler aus mehreren Romanen liegt mit gebrochenem Bein für Wochen im Krankenhaus und langweilt sich entsetzlich. Die Bücher, die er geschenkt bekommt, vermögen ihn nicht zu interessieren. Auf Anraten einer Freundin, er solle sich doch mit historischen Kriminalfällen beschäftigen, führt ihn zufällig auf den Fall der zwei Prinzen im Tower, da er das Porträt Richards III nicht für das eines skrupellosen Mörders hält. Er taucht in die Marterie ein, geht den Quellen nach und belegt, dass Richard eigentlich kein Motiv gehabt hätte, die beiden Prinzen umzubringen. Andere Nichten und Neffen, die ebenfalls einen Thronanspruch hätten äußern können, überlebten Richard. Alles weit, nach dieser Deutung, auf Henry Tudor als Auftraggeber hin. Eines der wirkungsvollen Bücher der Ricardisten, die Richard III entlasten wollen.

    There's time to finish the game and beat the Spaniards too.

  • Und jetzt habe ich mit Suspense von Joseph Conrad begonnen, dem Romanfragment, das er nicht mehr beenden konnte und das erst posthum erschien. Größer angelegt als das letzte vollendete Buch "The Rover" und wie dieses zu napoleonischer Zeit angesiedelt. Suspense ist die Spannung, die über dem Mittelmeer liegt, als Napoleon auf Elba verbannt war. Cosmo Latham, Adelsspross aus Yorkshire, erlebt diese Zeit in Genua. Ich werde mehr berichten, wenn ich mit dem Buch durch bin.

    Eine schöne Druckausgabe gibt es aktuell nicht zu kaufen. Den Text bekommt man auf

    http://gutenberg.ca/ebooks/con…onradj-suspense-00-h.html

    There's time to finish the game and beat the Spaniards too.

  • Er lässt einen die Reisen mitmachen und lässt über weite Teile ein Sachbuch zu einem sehr unterhaltsamen und spannenden Roman werden.


    Ich habe mir mal erlaubt, einen Satz aus deinem Beitrag, Peter_H , zu borgen, da er genau das aussagt, was auch ich derzeit empfinde. Von den knapp 400 Seiten habe ich 100 durch und es wurde mir bisher auf keiner einzigen Seite langweilig.


    Und was mir auch sehr gefällt. Ab und an blitzt mal dieser feine britische Humor durch. Kleine Kostprobe gefällig? Nun denn: Ausgangslage ist die Tatsache, dass ein paar Männer bei einem der seltenen Landaufenthalte auf der ersten Fahrt desertierten, dann aber wieder eingefangen wurden.

    Zitat

    Obwohl die Reise alles andere als ein Spaziergang war, setzten sich in den vier Jahren, die sie dauerte, nur wenige Männer ab, was auch daran liegen mag, dass sie vergleichsweise gut behandelt und fair bezahlt wurden. Allerdings besteht zwischen der Zahl der Fahnenflüchtigen und der Umgebung, in der sich ein Schiff befindet, ein ursächlicher Zusammenhang. Captain Beechey von der HMS Blossom sah sich im Jahr 1825 damit konfrontiert, dass bei einem Aufenthalt in Rio de Janeiro vierzehn Besatzungsmitglieder das Weite suchten. Der Reiz, das Gleiche in der Antarktis zu tun, ist fraglos deutlich geringer.

    :D

  • Der neue "Uhtred" von Bernard Cornwell ist da. In diesem Monat ist die deutsche Übersetzung " Das Königsschwert " bei rororo erschienen.

    Und noch eine Serie geht in die nächste Runde. C.J. Sansoms "Matthew Shardlake" Serie um einen Rechtsanwalt zur Zeit Heinrichs des 8ten und die Zeit danach wurde diesen Monat bei Fischer um die deutsche Übersetzung des Romans "Tombland" mit dem Titel "Die Gräber der Verdammten" erweitert.

    Beide warten im Regal auf das gelesen werden......Ich bin aber vorher noch mit zwei Büchern beschäftigt. Des Iren Colm Toibin`s " Haus der Namen", eine spannende Interpretation des Orestie Themas, erschienen im Carl Hanser Verlag und ein im Heyne Verlag erschienenes Buch der Ägypterin Basma Abdel Aziz, " Das Tor" , ein Roman über die Natur eines totalitären Staates,Klug und mit einer gehörigen Portion schwarzen Humos.

    Ich bin überzeugt das mich die ersten beiden erwähnten Bücher eben so fesseln werden, wie es die beiden, an denen Ich gerade lese tun


    “There is no dark side in the moon, really; [as a] matter of fact it’s all dark.”
    „Es gibt beim Mond keine dunkle Seite; tatsächlich ist er ganz dunkel.“

    – Gerry Driscoll


    In der Werft: HMS Alert 1:96, Kartonmodel

  • Ich muss gestehen, dass mir gestern etwas Bolitho war. Also fasste ich mir ein Herz, dachte kurz Augen zu und durch und nahm mir Band 23 Dämmerung über der See vor. Dabei stellte ich fest, dass man das Buch eigentlich ganz gut lesen kann, wenn man die schwülstigen Stellen überspringt und man akzeptiert, das Kent mit sturer Ignoranz eine moderne Royal Navy mit Segelschiffen beschreibt. Ich verstehe nur nicht ganz, weshalb er dabei grundsätzlich auf den Einsatz von Torpedos verzichtet, aber das Buch ist ja noch lang.

    Glück hat meistens der Mann, der weiß, wieviel er dem Zufall überlassen darf. (C.S. Forester)

  • Und Alday steht neben dem Torpedorohr und putzt den alten Familiensäbel, während er darüber nachdenkt, wie ungerecht es doch wieder ist, dass der Scharfschütze Lord Nelson erwischt hat, während sich Sir Richard durch weitere zwanzig Bände quälen muss.

    Glück hat meistens der Mann, der weiß, wieviel er dem Zufall überlassen darf. (C.S. Forester)

  • Aber ich bin unfair. Natürlich ärgern mich die typischen Schwächen der Bolitho-Reihe, aber insgesamt ist es eigentlich ein gutes Buch, wenn man einfach nur unterhalten werden will. Das werdet ihr demnächst auch an meiner Rezension sehen, denn ich werde heute Abend durch sein.

    Glück hat meistens der Mann, der weiß, wieviel er dem Zufall überlassen darf. (C.S. Forester)

  • Wobei anzumerken ist das im Jahre 1805 die Brigg Dorothea von einem Versuchstorpedo getroffen wurde, in zwei Teile zerbrach und innerhalb weniger Sekunden sank. ( Robert Fulton: Torpedo war and Submarine Explosions)

    Aber zum Einsatz kamen die Dinger nicht. Die "Ehre" galt den Spierentorpedos, welche im Sezessionskrieg zum Einsatz kamen.


    “There is no dark side in the moon, really; [as a] matter of fact it’s all dark.”
    „Es gibt beim Mond keine dunkle Seite; tatsächlich ist er ganz dunkel.“

    – Gerry Driscoll


    In der Werft: HMS Alert 1:96, Kartonmodel

  • Ich sitze gerade an: Lumberjills, Britains Forgotten Army von Joanna Foat, ISBN :

    978-0-7509-9090-5 , 272 Seiten, Taschenbuch , Englisch ( keine Übersetzung vorhanden oder geplant) Empfohlener Verkaufspreis €16,99

    Inhalt : Es geht um die in Vergessenheit geratenen Frauen des Britischen Holzfäller Corps der Royal Army im 2Ten Weltkrieg und unmittelbar danach. Sie wurden, wie auch Frauen in der Schwerindustrie, eingesetzt, um die Verluste an Männern in der Kriegsgesellschaft Britaniens auszugleichen und haben grossartiges geleistet. Holz für den Bergbau, den Schiffsbau den Hausbau. Es gab einen enormen Bedarf an Holz und da die meisten Männer sich im direkten Kriegsgeschehen befanden, wurden Frauen angeworben und Ausgebildet Bäume zu fällen, zu Transportieren und in Sägemühlen zu verarbeiten. Eine überaus Interessante Geschichte. Und, da auf Englisch geschrieben, eine Herausforderung an die Konzentration.


    “There is no dark side in the moon, really; [as a] matter of fact it’s all dark.”
    „Es gibt beim Mond keine dunkle Seite; tatsächlich ist er ganz dunkel.“

    – Gerry Driscoll


    In der Werft: HMS Alert 1:96, Kartonmodel

  • Nachdem ich Dämmerung über der See überstanden habe, ist nun Band 24 - Dem Vaterland zuliebe dran. Um mich gar nicht erst ärgern zu müssen, habe ich versucht, ganz entspannt zu bleiben. Ich freute mich daran, dass unser Dick seit Nelsons Tod Englands jüngster Vizeadmiral ist, bis er wenig später (gefühlt 1 oder 2 Seiten) auf Vizeadmiral Bethune trifft, der einst auf seiner Sloop Spaarow als kleiner Midshipman durch die Takelage tollte. Rumms, hat es mich da wieder erwischt. Dabei heisst es doch in der Feuerzangenbowle so schön: "Sie sollen doch nicht denken!"

    Glück hat meistens der Mann, der weiß, wieviel er dem Zufall überlassen darf. (C.S. Forester)

  • Das Stahlwerk von Christian Piskulla spielt 1942 in Duisburg. In besagtem Stahlwerk treibt ein Serienmörder sein Unwesen. Lesenswert!!!

    Fällt mir ein: Lag für mich dann auch unter dem Weihnachtsbaum und war ratz-fatz weggelesen. Sehr spannend und atmosphärisch, war ein guter Tipp. :)


    Das Stahlwerk im titelgebenden Buch gibt eine großartige Kulisse für einen Krimi und Thriller ab (und optisch würde das eine noch großartigere Filmkulisse abgeben). Groß, riesige Anlage, unzählige Hallen, Kauen, Gleise, Betrieb Tag und Nacht, überall Dreck, Qualm, Stahl, rotglühend und erkaltet. Es ist ständig präsent als einziger Schauplatz des Romans, der erst Krimi ist (wer ist der Mörder? Was ist sein Muster, sein Motiv?), dann Thriller wird (wer es ist, ist dann bekannt, aber ihn im Stahlwerk zu finden und zu stellen ist eine außerordentlich spannend geschriebene Angelegenheit).

  • Wenn man sich selbst als den weltgrößten Pink-Floyd-Fan (zumindest aller maritim-historischen Foren :D) betrachtet, kommt man zwangsläufig um ein Buch, das den Namen dieser Göttercombo im Titel trägt, nicht herum. Was für ein Glück aber auch!


    "Die Kinder hören Pink Floyd" von Alexander Gorkow erzählt von den 70ern aus der Sicht eines 10jährigen Jungen, der mit seinen Eltern und seiner Schwester in Düsseldorf lebt. Geprägt durch seine ältere Schwester ist er bereits großer Fan von Pink Floyd.

    Aus brillant beschriebener kindlicher Sicht berichtet der Autor in der Ich-Form aus seinem Leben. Das Buch strotzt nur so vor poetischen, lustigen, anrührenden und auch dramatischen Passagen und lässt die damalige Zeit wieder lebendig werden.

    Und es geht in dem Buch nicht nur oder ausschließlich um Pink Floyd, aber ja, die Band und ihre Musik ist schon sehr präsent. Mein persönliches Highlight ist die Szene, in der das frisch erschiene Album "Wish you were here" seine Premiere in der guten Stube erlebt und der Vater meint, die Musik hätte nun seine teure Anlage kaputt gemacht, als nach "Have a Cigar" der Ton abreißt und immer leiser wird, ehe dann, nach der Passage, die so klingt, als ob jemand an einem Radio den Senderwahlknopf dreht, glasklar Gilmours Gitarre den Titelsong der LP einläutet. fr21

    Im letzten Kapitel nimmt uns der Autor dann mit in die Jetzt-Zeit und macht mich enorm neidisch, als er berichtet, wie oft er Pink Floyd nicht nur live erlebt, sondern in seiner Rolle als Journalist auch interviewt hat.


    Die Pressestimmen, aus denen auf der Amazon-Seite zitiert wird, kann ich so alle unterschreiben.


    Fazit: Das Buch ist auch, aber bei weitem nicht nur eine große Liebeserklärung an Pink Floyd. Es ist soviel mehr.


    :5*::5*::5*: