Band 6 - Kanonen auf hoher See


  • Um es vorweg zu nehmen, ich mag diesen Band nicht. Dabei stellt die Handlung unsere Helden direkter als in jedem anderen Buch der Reihe mitten in das reale Geschehen ihrer Zeit.
    Aber möglicherweise liegt genau darin das große Problem, dass ich mit diesem Buch habe. Damit meine ich nicht die Tatsache, dass Jack und Stephen in das unseelige Gefecht zwischen HMS Java und USS Constitution geraten.
    Damit kann ich leben, denn am Ende treffen ja Shannon und Chesapeake aufeinander. Vielmehr meine ich damit, dass die Protagonisten des Romans nicht agieren, sie reagieren bestenfalls oder sind nur Beobachter. Etwas an Fahrt nimmt die Handlung erst auf, als Stephen in eine seiner gefährlichsten Geheimdienstaffären gerät, doch bis dahin vergeht sehr viel Zeit.
    Dieser Roman dürfte übrigens die letzte Übersetzungsarbeit der von unserem Master sehr geschätzten Jutta Wannenmacher gewesen sein. Mitten im Buch übernahm dann Klaus D. Kurtz.
    Noch eine Bemerkung zum deutschen Titel. Was wollte uns der Verlag eigentlich damit sagen? Diese Frage können die Verantwortlichen wahrscheinlich selbst nicht beantworten. Das englische Original "Fortune of War", was man mit Kriegsglück übersetzen kann, trifft es da viel besser.
    Wie bereits erwähnt, ich mag den Roman nicht und nur für die Agentenstory gibt es von mir vier Sterne.
    :4*:

    Glück hat meistens der Mann, der weiß, wieviel er dem Zufall überlassen darf. (C.S. Forester)

  • Da geht es mir genauso wie Dir Speedy. Ich fand den Band auch sehr lagatmig und die Geschichte in Amerika machte es auch nicht besser.
    Vielleicht geht es sogar einigen so, da wir ja bisher nicht über diesen Band diskutierten...


    Aga

    John Duckworth: „Besansegel brassen; lasst ein Boot runter, ein Schwein ist über Bord gegangen; mein Schwein – Schwein ersäuft“.„Es ist unser Schwein!“ stammelt der Midshipman
    Was – Was! Ihr Schwein: Kurs halten ... wegen eines Schweines dürfen wir doch kein Menschenleben gefährden...“

  • Stimmt. Das kann der Grund sein.
    Um aber mal was Positives zu erwähnen, das POB richtig gut gelungen ist. Damit meine ich diese Mischung aus Fassungslosigkeit und Niedergeschlagenheit, mit der Jack und die anderen Royal Navy Offiziere auf die beispiellose Niederlagenserie zu Beginn des Kriegs von 1812 reagieren. Natürlich, die britischen Schiffe waren fast immer deutlich schwächer, doch für die erfolgsverwöhnte Royal Navy war das bis dahin ja kein Maßstab.

    Glück hat meistens der Mann, der weiß, wieviel er dem Zufall überlassen darf. (C.S. Forester)

  • ich muss Aga zustimmen, außer den Anfang und das Ende des Buches, war es phasenweise wahrlich eine Schlepperei von Seite zu Seite und ich fühlte mich darin bestätigt, dass POB seine literarischen Qualitäten an Land nie so fulminant entwickeln kann, wie auf hoher See. Aber in der Gesamtbetrachtung dieses Zyklus, darf es ja auch mal eine kleine Formdelle geben :)

    Auf, Matrosen, die Anker gelichtet, Segel gespannt, den Kompaß gerichtet! - Wilhelm Christoph Gerhard (1780 - 1858)

  • "Formdelle" klingt gut. ;) Ich hatte im nachhinein eher das Gefühl, dass POB Stephens Charakter viel mehr Raum geben wollte, was bei seiner Tätigkeit an Land besser gelingt als auf See (was POB mit dem späteren Band dann doch recht gelungen ist) - und, wie schon angesprochen, Desaster & Kriegsgefangenschaft auch mit zum "Seeleben" dazugehören.
    Von daher passt der Originaltitel viel besser als die deutsche Übersetzung.
    Ich fand es spannend, dass POB den vor den europäischen Ereignissen fast vergessenen Krieg von 1812 wieder aus der dunklen Ecke hervor holt und seine Protagonisten nicht schon wieder irgendein ungleiches Duell mit den Franzosen ausfechten lässt.

    ~*~ "Und nun meine Herren, genug der Bücher und Signale." ~*~ Richard Earl Howe, 1. Juni 1794.

  • Für diese Entscheidung spielte der Zeitfaktor sicherlich eine große Rolle. In den ersten fünf Bänden hat er schließlich 11 Jahre mehr oder weniger vertrödelt.
    Jetzt wurden aufgrund des unerwarteten Erfolgs plötzlich die möglichen Kriegsschauplätze knapp und der Krieg von 1812 war da ein wahrer Segen, zumal er sich im Bezug auf Dianas Flucht nach Amerika (Band 5) ja förmlich anbot.

    Glück hat meistens der Mann, der weiß, wieviel er dem Zufall überlassen darf. (C.S. Forester)

  • Ja, auf jeden Fall... für eine geplante (längere) Reihe wäre das ein starker Faux pas gewesen, 5-6 so wichtiger Jahre für den Seekrieg zu "verschlafen" und letztlich nur noch 3 Jahre zur Verfügung zu haben (daher dann sicherlich auch irgendwann die Anmerkung mit 1813a, b, c, ...).

    ~*~ "Und nun meine Herren, genug der Bücher und Signale." ~*~ Richard Earl Howe, 1. Juni 1794.

  • Eure Meinung zu Band 6 teile ich. Den deutschen Titel fand ich besonders irritierend. Ich hatte seinerzeit als erste Werke von PoB Band 1 und 6 in das Urlaubsgepäck gesteckt und nach "Kanonen auf hoher See" durchaus Zweifel, ob die übrigen Bände etwas für mich sind. Diese Zweifel haben sich natürlich zertreut, doch was die landgestützten Bände angeht, geht´s mir wie Stephen mit den Meerschweinchen.

    Es ist alles gesagt, nur noch nicht von jedem


    Karl Valentin

  • Ich urteile auch beim dritten Durchlauf nicht so streng wie die Vorposter hier. Was ich beeindruckend und auch sehr überzeugend fand, war die Schilderung der Gemütslage der gesamten Royal Navy über die kurz hintereinander folgenden Niederlagen britischer Fregatten im Kampf mit der jungen amerikanischen Marine. Ich fand das sehr glaubhaft; eine über Jahrhunderte erfolgreiche und siegverwöhnte Nation wird plötzlich von einem Gegner, der in vielen Augen keinesfalls als ebenbürtig betrachtet wurde (kaum Schiffe, keine richtige Kampflotte, unerfahrende Kommandanten...) bis auf die Knochen blamiert. Und man spürt regelrecht beim Lesen das erleichterte Aufatmen, als die HMS Shannon mit dem Sieg über die USS Chesapeake die geschundene britische Seemansseele wieder einigermaßen ins Gleichgewicht bringt und verlorengegangenes Selbstbewusstsein zurückbringt.
    Auch die Szenen an Land fand ich unterhaltsam und interessant. Und ich habe eine Handvoll Lesezeichen - mal schauen, was sich dahinter verbirgt.


    Und wieder die übliche Spoilerwarnung - ihr kennt das ja schon.


    Fangen wir damit an, dass Stephen mal wieder schier verzweifelt ist wegen "Wir haben keine Minute zu verlieren."
    "Wie kannst du so leichtfertig daherreden und mir im selben Atemzug beibringen, daß wir nach Hause müssen, ohne einen Blick auf die Reichtümer Ostindiens geworfen zu haben? Seine Flora und Fauna in schnöder Gleichgültigkeit ignoriert und völlig ungeprüft zurücklassend? Ohne einen einzigen Blick auf den berüchtigten, Strychnin enthaltenden Upasbaum geworfen zu haben? Kann das denn wahr sein?"
    "Ich fürchte, ja. Immerhin konntest du dich in der Flora und Fauna auf Desolation Island austoben, wie du dich erinnern wirst: ausgestopfte Robben, Pinguine, Albatroseier und diese Vögel mit den seltsamen Schnäbeln... Die Laderäume der Leopard sind voll davon. Auch in Neuholland bist du nicht zu kurz gekommen, mit deinen vermaledeiten Wombats und allem anderen."
    ...
    "Tut mir wirklich leid für dich. Doch die Erfordernisse unseres Dienstes...", sagte Jack, der eine neue Invasion von Sumatra-Rhinozerossen, Orang-Utans und Vogel-Rock-Küken befürchtete.


    ^^


    Ha, und eben beim Band zuvor schreibe ich davon, und zack, hat Jack offenbar ein neues Lieblingsessen:
    Killick schlich sich mit einer Schüssel Nierenragout an, des Kommandanten Lieblingsgericht, und stellte sie wortlos zwischen die Papiere.
    ?(


    Mal schauen, was da noch kommt.


    Nun sind Jack und Stephen Passagiere auf einem anderen Schiff, der Flèche, auf der Fahrt in die Heimat. Köstliche Szene, als die beiden eine Einladung zum Essen beim Kommandanten erhalten. Stephen lehnt ab, da er mit seiner Sammlung beschäftigt ist, die von der Leopard hierher verladen wurde, und das nicht in der von ihm gewünschten Sorgfalt. Das fängt auf Seite 46 an, und erst als Jack gemeinsam mit Bonden und Killick eingreift, gelingt es, den aufgebrachten Maturin dazu zu bewegen, mitzukommen.
    "...Und dann kam da so ein aufdringlicher Kerl und lag mir in den Ohren, ich müsse beim Kapitän dieser gemeingefährlichen Maschine zum Essen erscheinen. Aber den hab ich seiner Wege geschickt. Hab ihm gesagt, er soll sich um seine Segel kümmern."
    die gemeingefährliche Maschine kippte nach Lee weg, worauf der weibliche See-Elefant nach Steuerbord rutschte. Jack wartet auf die Gegenbewegung, schlang dem Balg eine Leine um den Bauch und belegte sie. "Ja", sagte er, "das war Warner, der Erste Offizier. Stephen, es gibt etwas bei der Navy, das ich dir schon längst hätte erklären sollen: Eine Einladung des Kommandanten darf man nicht ausschlagen."
    Nach einer weiteren intensiven Diskussion gibt sich Stephen schließlich geschlagen. Es bleiben noch vier Minuten:
    "Bonden, Killick!" rief Jack.
    Sofort kamen sie den Niedergang herabgepoltert: Killick mit all den Uniformresten, die Dr. Maturin noch besaß, mit einem frischen Hemd und einer Haarbürste, denn er wußte nur zu gut, was im Gange war. Der Bordarzt der Leopard, sinnlos betrunken, hatte in seinem Wahn die Einladung des Kommandanten ausgeschlagen. Insgeheim hatte man schon damit gerechnet, daß Mr. Warner ihn in Fußeisen nach achtern schleppen würde, die Kiefer mit einem Marlspieker aufgesperrt, damit ihm das Dinner in den Schlund gestopft werden konnte, und daß er danach unter verschärftem Arrest in seiner Kammer eingeschlossen würde, um sofort nach Einlaufen der Flèche in Pompey vors Kriegsgericht gestellt zu werden. Deshalb war es für sie eine ziemliche Enttäuschung, eine Art Antiklimax, als er halbwegs geschniegelt und gestriegelt im Kielwasser seines Kommandanten davonwatschelte, eine Minute vor der vollen Stunde.
    :lol


    Und in diesem Buch finden wir auch eine unserer aller Lieblingsszenen aus DEM Film wieder:
    "Ha, jetzt hab ich dich!" rief Jack. "Du bist reingefallen - total erledigt! Weißt du denn nicht, daß wir von der Marine uns immer für den hübscheren Käfer entscheiden? Oh, ha, ha, ha!"
    :D


    Schauen wir doch mal Jack über die Schulter, was er so an seine Sophia schreibt:
    Es würde Dich amüsieren, wie Killick unseren Stephen betreut, seit dessen Diener - ein Dummkopf, mit Grant in dessen Booten verschwand. Stephen läßt sich nur höchst ungern bemuttern, aber Killick hat es sich in den Kopf gesetzt, seine Knöpfe anzunähen, seine anderthalb Hemden zu flicken, seine Halstücher zu bügeln und seinen einzigen anständigen Rock auszubürsten. Er bringt ihn sogar dazu, sich mindestens einmal pro Woche zu rasieren, indem er ihn trotz fürchterlichster Beschimpfungen ständig anraunzt: wie eine knochige alte Glucke mit einem mürrischen Küken. Für das heutige Dinner bei Yorke hat er Stephen ganz präsentabel ausstaffiert, außerdem arbeitet er fleißig an einer Perücke, wie sie einem Doktor seiner Ansicht nach geziemt, wofür er einzelne Kardeele über dem Kombüsenfeuer kräuselt. Vielleicht wird sie ja tatsächlich besser als der scheußliche alte Mop, der schon viele Stürme, zerbrochene Eier und nasse Moosbrocken überstanden hat.

    Jack widmet sich während der für ihn ja ohne sonstige Pflichten beinhaltenden Reise der Erziehung der jungen Kadetten:
    "Sie lesen doch alle regelmäßig in der Bibel, wie ich hoffe?"
    "Aber gewiß, Sir."
    "Freut mich zu hören. Wo kämen wir hin, zum Teufel, wenn Sie die Bibel mißachteten? Sagen sie, Mr. Holles, wer war eigentlich Abraham?" Jack war neuerdings gut im Bilde über diesen Teil der Heiligen Schrift, weil er Admiral Drurys Bemerkungen über Sodom nachgeschlagen hatte.
    "Abraham, Sir", stotterte Holles, und sein teigiges, pickeliges Gesicht nahm eine krankhaft gescheckte Purpurfarbe an, "Also Abraham war..." Der Rest blieb unverständlich, bis auf das gemurmelte Wort "Busen".
    "Mr. Peters?"
    Mr. Peters gab seiner Überzeugung Ausdruck, daß Abraham ein sehr guter Mensch gewesen war, vielleicht ein Getreidehändler, weil man ja von "Abrahams Samen" sprach.
    "Mr. Forshaw?"
    "Abraham, Sir?" wiederholte Forshaw, der seine Geistesgegenwart wiedererlangt hatte. "Oh, Abraham war nur ein gewöhnlicher ausgekochter Jude."
    Jack fixierte ihn scharf. Machte sich Forshaw über ihn lustig? Wahrscheinlich ja, nach seiner extrem unschuldigen Miene zu urteilen. "Bonden!" rief er nach seinem Bootssteurer, der mit geteertem Segeltuch und Kabelgarn vor der Tür wartete, um den jungen Herrchen das Anfertigen von Füchsjes beizubringen. "Bonden, binden Sie Mr. Forshaw auf den Neunpfünder und knoten Sie mir dieses Kabelgarn zusammen."


    8|:lol


    Dann, viel später, eine dramatische Flucht, Jack und Stephen mit Diana in einem Boot. Jack kommandiert:
    "Riemen ins Boot", sagte Jack. "Und jetzt ans Fall - nein, ans Fall! Hilf, Himmel - an die Leine dort. hiev weg, hiev weg. Zieh daran, Stephen, zieh! Und jetzt belegen. Schling die Leine ein paarmal um die Klampe da - um die Klampe!"
    Der Prahm krängte bedrohlich. Jack ließ alles fallen, kroch nach vorn, belegte das Fall mit einem Kopfschlag auf der Klampe und kehrte an die Pinne zurück. Das Segel füllte sich, er ging auf Raumwindkurs und hielt auf die Hafenausfahrt zu.
    "Du bist heute nacht verdammt gereizt, Jack", sagte Stephen. "Wie kannst du erwarten, daß ich deinen abgehackten Singsang verstehe, ohne erst eine Weile darüber nachzudenken? Herrgott, ich erwarte ja auch nicht von dir, daß du meine medizinischen Fachausdrücke begreifst, ohne daß ich dir Zeit lasse, die Etymologie zu berücksichtigen."


    "Nach all den vielen Jahren auf See nicht den Unterschied zwischen einer Schot und einem Fall zu kennen - das geht über meinen Horizont", sagte Jack.
    "Auf trockenem Land bist du ein halbwegs zivilisierter, verträglicher Mensch", fuhr Stephen fort. "Aber sowie du schwimmst, wirst du ein eingefleischter Tyrann - tu dies, tu das da, gluppe die pralingen Strangles dort -, überhaupt kein soziales Benehmen mehr. Zweifellos wirkt sich da die langjährige Gewohnheit des Kommandierens aus, aber liebenswürdig kann man das nicht nennen."


    Ich liebe diese Szene - immer wieder! :lt:


    Und das letzte Lesezeichen in diesem Band. Diana und Stephen in der Vorpiek der Shannon, kurz vor dem berühmten Gefecht. Stephen hat ihr eine Schüssel Suppe gebracht.
    "Oh", machte sie und nahm zerstreut drei Löffel von der Suppe. "Du lieber Himmel, was ist denn das?"
    "Suppe. Suppe aus Trockenpulver. Bitte iß noch ein wenig mehr davon. Sie stellt dein seelsiches Gleichgewicht wieder her."
    "Und ich hab'S für lauwarmen Leim genommen. Aber wenn man den Atem anhält, rutscht sie ganz gut. Danke, daß du sie mir gebracht hast, Stephen."
    Sie aß weiter, bis eine Küchenschabe von der Decke in die Suppe fiel. Da nahm Stephen sie ihr ab und stellte sie zwischen die anderen Schaben auf den Boden.


    Mahlzeit! :D


    Die Gefangenen der Chesapeake haben ja von ihrem Schiff ein wunderhübsches Knochenmodell gebaut, welches bekanntlich auf Deck 8 im Tammpel bewundert werden kann.


    Ich gebe dem Buch auf jeden Fall 5 Knochenschiffe! :5*:

  • Man bist du fleißig @Bonden!


    Danke dafür!


    Aga

    John Duckworth: „Besansegel brassen; lasst ein Boot runter, ein Schwein ist über Bord gegangen; mein Schwein – Schwein ersäuft“.„Es ist unser Schwein!“ stammelt der Midshipman
    Was – Was! Ihr Schwein: Kurs halten ... wegen eines Schweines dürfen wir doch kein Menschenleben gefährden...“

  • @Aga hat vollkommen Recht. Du legst hier ein Tempo vor @Bonden, als säße Dir der leibhaftige Jack Aubrey selbst im Nacken und ruft Dir permanent zu: "Wir haben keine Minute zu verlieren."

    Glück hat meistens der Mann, der weiß, wieviel er dem Zufall überlassen darf. (C.S. Forester)