HMS Mercury - Fregatte der Enterprize-Klasse; Shipyard-Kartonmodell, 1:72

  • ...weiter ... mit den heißgeliebten Bramstengen

    Genau! Heute wurden die Arbeiten an der Großbramstenge fortgesetzt und abgeschlossen. Als erstes wurden die Pardunen gesetzt, auf jeder Seite zwei. Nun, das ist eine relativ unspektakuläre Arbeit; einzige Besonderheit sind die Abmessungen: Diese Pardunen sind mit Abstand die längsten Taue, die für die Mercury zu schlagen und auch zu kleeden waren. Da sie wie üblich paarweise aufgelegt werden, d.h. für jede Seite aus einem Tau mit einem mittig eingebundenen Auge bestehend, war es gut, dass ich mittlerweile einen neuen Schreib/Werktisch habe, auf dem ich meine Reeperbahn bequem über die geforderte Länge aufbauen konnte. Das Kleeden geschah dann in drei Etappen, was auch nicht ganz ohne ist. Pardunen werden bis unter die Marskante gekleedet, was hier in Summe mehr als 60 cm waren - eine Länge, die meine Kleedemaschine auf keinen Fall in einem Stück schafft.

    Beim Steifholen muss man dann gut aufpassen, dass man die Taljereeps nicht zu fest spannt, ansonsten biegt sich die Bramstenge bedenklich nach hinten, und ich will an der Stelle auf gar keinen Fall das Geräusch brechenden Holzes hören...


    Dann kamen die Stage. Die Großbramstenge hat zwei davon, zum einen das normale Großbramstag und dann noch ein Segelstag. Dieses wird kurz hinter der Bramstenge in das Großbramsteg eingespleißt - also im Original. Ich hab es so befestigt, dass es ein bissel wie eingespleißt aussieht. Beide Stage laufen dann zum Vorstengetop. Das Großbramstag geht durch eine Kausche, die oberhalb der Flechtung der Marswanten angebracht ist, das Segelstag läuft ebenfalls durch eine Kausche, die aber mit einem weiteren Kragen über der gesamten Wantenflechtung liegt, so dass die eingebundene Kausche zwischen den beiden Längsholmen der Saling sitzt. Während das Großbramstag dann an sein Ende eine Kausche eingebunden bekommt, wird das Segelstag einfach um die Längssaling der Stengesaling belegt.

    Für das Großbramstag hatte ich eine Kausche mit einem zweischenkligen Strop hinter dem Fockmasttop an den Längssalingen angebracht.


    Und so gab es hier wieder die gleiche Herausforderung wie schon am Besan, nämlich diese Kausche am Stagende freihändig an Bord anzubringen, da ich das andere Ende des Stags bereits mit einem engen Auge versehen und an der Bramstenge angebracht hatte. Aber auch da kam mir wieder meine Zahnstochermethode zu Hilfe, und nachdem ich diesen zuerst zwischen den Webleinen der Marswanten fixiert hatte, kam mir noch eine bessere Idee.


    Da das Segelstag noch nicht befestigt war, konnte ich die Stage noch bequem von der Bramstenge nehmen und bis zur Kausche für das Bramstag nach unten ziehen.


    So reichte das Ende dann bis zum fix direkt neben dem Schiff angebrachten Schraubstock, wo ich den Zahnstocher dann fixieren und die Kausche relativ bequem einbinden konnte.


    Anschließend dann die Stage wieder auf die Stenge, mittels Taljereep das Bramstag und mittels Knoten das Segelstag steifgesetzt, dann mittels der Taljereeps der Pardunen für entsprechende Gegenspannung gesorgt, alle Enden sauber belegen und die überstehenden Enden kappen, und fertig! Das war dann nicht ganz so, wie es in David Winters Bramstengenalmanach steht, aber das ist mir völlig Wurscht, so. :D :D :D


    Und so widme ich mich demnächst also der letzten Bramstenge dieses Schiffes.


    Ach ja, in Bauberichten wird ja gern mal die Bitte geäußert, die Größenverhältnisse des Modells mittels eines Centstücks deutlich zu machen.

    Aber gerne doch! :D :D :D

  • Ach ja, in Bauberichten wird ja gern mal die Bitte geäußert, die Größenverhältnisse des Modells mittels eines Centstücks deutlich zu machen.

    Man kann ja präzise abschätzen, wie groß diese Schönheit ist. Die Schönheit des Schaffenden oder die des wohl vollendeten Schiffbaus!!! Ein Cent-Bonden? Ein Cent Bramstenge! Lässt sie sich auch fieren? Immer, wenn es nötig ist? Bei einem gewissen Autor ist das ja die Admiralsdisziplin! Oder? Bonden, the real Admiral! We follow you....

    "Wie die Luft gehört die See als Geburtsrecht allen Menschen.“
    (Thomas Jefferson 1743 - 1826)

  • Das war dann nicht ganz so, wie es in David Winters Bramstengenalmanach steht, aber das ist mir völlig Wurscht, so

    Also so wirst Du niemals Super-David. ;)


    Danke für die ausführliche Schilderung. Das macht uns dieses ganze Wirrwarr aus Stengen, Stagen und Wanten wirklich durchschaubar. :thumbup:

    Glück hat meistens der Mann, der weiß, wieviel er dem Zufall überlassen darf. (C.S. Forester)

  • Lässt sie sich auch fieren?

    Nun, die Stenge ist nicht festgeklebt, sondern nur mit dem Stengefuß in die dafür vorgesehene Öffnung in der Marssaling gesteckt und mit dem Schlossholz vor dem Durchrutschen gesichert. Durch die Augbolzen an den Unterseiten des Eselshaupt lassen sich bei Bedarf die entsprechenden Taue fieren, um die Stenge aus seiner Lagerung zu heben. Vorher muss natürlich das Taljereep des Bramstags gelöst werden, ebenso wie das lose Ende des Segelstags. :wink: Und wenn dann später noch die Bramrah dran ist, muss da natürlich auch noch - aber das könnt ihr ja alles selber nachlesen, Bramstengenalmanach und so. :D :D :D

    Also so wirst Du niemals Super-David.

    Super-Bonden reicht mir völlig aus. :hurra2: :D :D :D


    @all: Danke für Lob und Däumchen. :thumb2:

  • An den zurückliegenden Tagen hat sich einiges getan in meiner Werft. Um es gleich vorweg zu schicken: Niemand muss sich um mich sorgen - es gab mal wieder einen Abriss. :D :D :D


    Aber der Reihenfolge nach. Zuerst wurde die Fockbramstenge gesetzt. Die habe ich vorher noch etwas nachbearbeitet, den Stengehummer etwas herausgearbeitet und zwei Scheibgats eingesetzt. also nicht wirklich, aber es sieht so aus, als ob da Scheibgats drin wären, und die Funktion der beiden Öffnungen ist die selbe wie in echt. In dem Fall also für Tauwerk des Außenklüvers und für das Drehreep der Bramrah.


    Die beiden vorderen Bramwanten wurden wieder jeweils paarweise aufgelegt, das heißt, es gab auf jeder Seite ein Auge mit Plattbindselung, und auch hier kam zwischen die beiden Wanten eine Kausche zur Führung der Bramtopnanten. Für diese Arbeiten bewährt sich meine tolle Lupenlampe immer wieder aufs Neue. Kein Augenverbiegen mehr, und dank der dritten Hand ist es ein feines Arbeiten mit dem fizzligen Kram.


    Das Ergebnis liegt dann auf der Hand.


    Auch hier ist der spannendste Part das Durchfädeln der Wanten durch die Öffnungen in den Quersalingen. Nun, die ersten beiden sind durch, also 1/3 geschafft.


    Für Want Nummer 3 wird wieder ein durchgehendes Tau für beide Seiten geschlagen und in der Mitte gekleedet. Mit einem gekleedeten Stück Tau wird ein Auge angesetzt, so dass auch dieses Want Halt auf der Stenge findet.


    Dann wieder das spannende Durchfädeln, was doch dann auch tatsächlich ohne Schäden klappt.


    Da macht sich dann doch Erleichterung breit: Keine einzige Beschädigung an allen drei Salingen! Nun werden die Wanttaue hinter der Püttingswurst der Marswanten zur Marsplattform geführt.


    Hier hatte ich auch schon kleine Stropps mit eingebundener Kausche hinter drei der vier Marsjungfern angebracht. Man sieht sie nicht immer gleich, daher mal die Pfeile.


    Gleich geht's weiter...

  • An die Enden der Wanttaue kommen nun wieder Kauschen. Vorher muss ich mir die aber noch anfertigen. Will ich auch nochmal zeigen: Für die Kauschen habe ich Messingrohre mit verschiedenen Durchmessern, und zu jedem Messingrohr habe ich ein passendes Stück Federstahl. So lassen sich dann mit dem Kuttermesser wunderbar dünne Scheiben abschneiden. Anschließend werden diese auf einen dünnen Draht gefädelt und dürfen eine Weile baden. Abspülen, trocken tupfen und schon kann es weitergehen.



    Wie ich die direkt am Mast anbringe, habe ich ja bereits gezeigt.

    Dann werden die Bramwanten mittels Taljereep zwischen den beiden Kauschen festgezogen. auch hier ist wieder eine gehörige Portion Vorsicht geboten, um die dünne Stenge nicht zu knicken. Aber auch das ging gut.


    Und da es so gut läuft, werden gleich die Taue für die Pardunen geschlagen und gekleedet. Auch hier wieder zwei an jeder Seite, also paarweise, Auge, Plattbindselung - ihr kennt das jetzt.


    Tja, und dann sind wir auch schon beim aktuellen Abriss. So ziemlich die ersten Takelarbeiten, die ich vor vielen Monden tätigte, war jede Menge Tauwerk am Klüverbaum. Und das war noch in einer Zeit, in der ich noch nicht die entscheidenden Hinweise hatte, die dann mein Taueschlagen erheblich verbessert hatten. Je öfter ich mir die Stricke an der Spitze des Klüverbaums anschaute, desto unzufriedener wurde ich. Also runter den ganzen Kram und neu gemacht.


    Was man auf dem Bild auch sieht, wenn man weiß, dass es das ist: Rechts neben dem Kragen des Fockborgstags habe ich dem Klüverbaum eine ordentliche Zurring spendiert, damit er auch schön fest sitzt. Sieht die Bauanleitung zwar nicht vor, aber die Praxis schon.


    Das erste, was dann an den Baum kommt, sind die Fußpferde. Damit die Matrosen einen besseren Halt darauf fanden, wurden spezielle Knoten, sog. Türkenköpfe, in die Fußpferde eingeflochten. Bei mir tun es ein paar aus dünnem Garn gesetzte Knoten; um mir diese Arbeit zu erleichtern, habe ich das Tau in meine Kleedemaschine gespannt.


    Und schon sind sie da, wo sie hingehören. Doch damit nicht genug in Sachen Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die Seeleute.


    Gleich geht's weiter.

  • Hier mal so zwischendurch der Arbeitsstand bis jetzt.


    Was das hier wohl wird? Ein Tau, an beiden Enden Kauschen eingebunden, hmm.


    Und da sehen wir das Gebilde schon in Aktion. Diese beiden Leitkauschen dienen der Führung der Laufstage. Diese gaben den Seeleuten beim Begehen des Bugspriets Halt. Ein Ende wird am Eselshaupt des Bugspriets an einem Augbolzen festgemacht, das andere durch die Leitkausche zum Bug geführt, wo mittels eingebundener Kausche am anderen Ende sowie einem Taljereep und einem Augbolzen im Bug unterhalb der vorderen Timberheads das Laufstag steifgesetzt wurde.


    So schaut die Mercury aktuell aus.


    Die nächsten Schritte werden das Setzen des Vorbramstags sowie die vorbereitenden Arbeiten für die Backstage sein. Das heißt, dass ich dann auch die erste Rah anbringen werde, denn die Backstage laufen durch Leitkauschen, die auf der Blindenrah befestigt werden. Und so nähern wir uns langsam, aber unweigerlich dem laufenden Gut...

  • Fein gemacht!


    Auf Angarfathers Dockyard würde der Vormann sagen: einen Rum für den Mann! :thumbup: :thumbup: :thumbup:


    Best regards


    Angarvater

    To the optimist, the glass is half full.
    To the pessimist the glas is half empty.
    To the engineer, the glass is twice. As big as it needs to be.

  • Ahoi Bonden


    Eins muss mal gesagt sein:

    ich finde nicht nur Dein Modell absolut aussergewöhnlich, ich staune auch immer wieder, wie viel Zeit Du in die Dokumentation des Modelles steckst. Das macht meiner Meinung nach das ganze zu einem "Gesamt-Kunstwerk allererster Güte"!

    Für mich als Fast-Laie arbeitest Du auf einem Niveau, das zwar Vorbild-Charakter hat, ich mir aber bewusst bin, dass ich da niemals hin komme. Das beruhigt mich, denn ansonsten würde ich vermutlich mein Modell längst in die Tonne treten! Aber mit diesem Bewusstsein motivierst Du mich immer wieder aufs Neue, MEIN bestes zu geben und sogar ab und zu auch mal einer Unzufriedenheit nach zu geben und etwas neu zu machen. So, dass ICH danach zufrieden bin.

    Danke für die Zeit, die Du investierst!!


    Beste Grüsse vom Süsswassermatrosen

    Peter

  • Hi Bonden,


    nachdem ich ja dein Meisterwerk in Natura bewundern durfte, liest sich dein Baubericht gleich ganz anders.

    Wie schon auf der Terrasse, ich bin echt begeistert! :thumbup: :love:

    Und das schöne ist, wenn es mal zwackt in meiner Werft, ist es ja nicht sehr weit um am "lebenden" Objekt mir Rat zu holen.


    Lieb Grüße

    Oeli

  • Nach so viel Lob und Däumchen hoch - danke euch allen! - muss ich endlich mal wieder weiterbauen.

    Wie ich weiter oben ja bereits berichtete, habe ich den ganzen Rödel am Klüverbaum wieder runtergerissen und neu gebaut. Ich habe euch auch meine schicken Fußpferde gezeigt, ebenso meine Zurring für den Klüverbaum. Tja, und schon wurde wieder ein Abriss nötig. chainsaw

    Zum Glück ging das sehr einfach und war nicht wirklich ein Abriss. Was dem Klüverbaum noch fehlte, war der Ausholring. Witzigerweise hatte ich den schon vor sehr langer Zeit gebaut, und dann lag er in einer meiner Kleinteileboxen. Und der muss nun mal über den Klüverbaum geschoben werden, bevor irgend etwas anderes an der Nock (also der Spitze) des Baums befestigt wird.
    Nun, gut, dass ich mich auf die Festigkeit meiner Zurring sowie die stabilisierenden Kräfte diverser Stage verlassen habe und deshalb den Klüverbaum nicht noch zusätzlich verleimt hatte. So konnte ich ihn vorsichtig so weit zurückschieben, dass ich das Tauauge der Fußpferde über die Nock schieben konnte und so den Weg frei machen für den Ausholring.
    Vorher laschte ich noch den Ausholer an den Ring und fädelte das lose Ende dann durch das am vorderen Ende des Klüverbaums vorgebohrte Scheibgat. An das andere Ende dieses Taus kam ein einscheibiger Block, der dann mittels Taljereep mit dem an der Vorderseite des Bugsprit-Eselshauptes angebrachten Block verbunden wurde. Die holende Part habe ich anschließend an einem der vorderen Timberheads belegt.



    Nun kamen die vorbereiteten Backstage dran; sie werden dann später steifgesetzt, wenn die Blindenrah angebracht ist.
    Anschließend fertigte den Zweierstropp neu. Zwei Kauschen in ein gekleedetes Tau eingebunden, dazwischen einen einscheibigen Block angelascht und dann das Gebilde als letztes an der Spitze des Klüverbaums befestigt. Sieht dann so aus:


    Das letzte Werk des heutigen Werfttages war dann das Setzen des Vorbramstags. Das war relativ einfach. An einem Ende eines Taues wurde eine Kausche angebracht, das andere ende wurde durch den Leitblock am eben befestigten Doppelstropp an der Klüverbaumspitze geführt und schließlich an der Vorbramstenge befestigt. Mittels eines Augbolzens im Bug und eines Taljereeps wurde auch dieses Stag steifgesetzt.


    So sieht das am Ende des heutigen Werfttages aus.



    Übrigens ist es schön, dass auf dem hiesigen Werftgelände nicht nur eine Helling belegt ist. :D :D :D



    :nod:

  • Langsam wird es mir ja peinlich, aber es gab schon wieder einen Abriss. Ursache dafür ist selektive Realitätsverweigerung. Wer weiß jetzt nicht auf Anhieb, was das ist? Nicht schlimm, ich erzähl es euch:

    Vor einiger Zeit hörte ich beim Hantieren mit meinem Schiffchen so ein komisches Geräusch. Es klang so, als ob irgendwie Holz bricht. Und mein Bewegungsablauf wurde in dem Moment auch leicht gehemmt.

    Ich habe es gehört, ich habe es gespürt - aber da ich nicht sofort sah, was passiert war, weigerte sich mein Gehirn, darauf in angemessener Form zu reagieren und sendete folglich keine weiteren Signale, an die Augen zum Beispiel, oder auch die Finger, zum Überprüfen, ob alles noch intakt ist.


    Im Wissen um dieses Geschehnis schauen wir uns nochmal dieses Bild aus dem vorigen Posting an und konzentrieren unseren Blick auf den Klüverbaum und seine geometrische Lage in Bezug auf den Bugspriet.


    Ja, genau. Mir ist es gestern Abend nach dem Absenden des Beitrages aufgefallen. Der Klüverbaum steht schon reichlich weit nach oben, man könnte fast meinen, er sei angeknackst. Was dann ja auch stimmte. Das Steifsetzen des Vorbramstags brachte es zum Vorschein. Nach kurzem Nachdenken erinnerte ich mich wieder an die eben beschriebene Situation und wusste sofort, dass er angeknackst war. Kein Witz: Ich schlief unruhig und träumte von diesem Klüverbaum. Und beim heutigen Aufwachen stand für mich fest: Keine weitere unruhige Nacht - runter mit dem Holz und neu gemacht!

    Wie gut, dass ich an den wirklichen wichtigen Punkten auf den Einsatz von Leim verzichtet hatte. So konnte ich den Zweifachstropp, die Backstage und die Fußpferde relativ problemlos lösen, ohne sie zu zerstören. Ok, den Ausholer, also das Tau am Ausholerring, musste ich abschneiden, was aber nicht schlimm war. Mir wurde nämlich klar, dass der Ausholer ja zum laufenden Gut gehört und insofern kein schwarzgeteertes Tau ist; außerdem war mir bei nochmaligem Nachdenken das Taljereep ein wenig zu dünn, da musste ein dickeres ran.

    Ein Rundholz wurde dann mittels Feile und Sandpapier relativ schnell zu einem neuen Klüverbaum, die Bohrungen für das Scheibgat stellten auch kein Problem dar, und bereits der Nachmittagskaffee wurde in dem Wissen eingenommen, dass nun alles wieder so ist, wie es sein soll.

    Dennoch, ärgerlich war das schon. Denn: Entgegen einiger hier und da verbreiteten Auffassungen haben ich nicht wirklich Spaß am Abriss. nono Wenn nötig, scheue ich ihn nicht und freue mich, wenn hinterher alles schick ist, aber grad dieser wäre zwar nicht wirklich vermeidbar gewesen, hätte aber, wäre er zu einem früheren Zeitpunkt erfolgt, weniger Arbeit verursacht.


    Im zweiten Bild sieht man den alten Klüverbaum; ich habe die angeknickte Stelle dann mit nur ganz wenig Gewalt deutlich hervorgehoben.


    So ist es viel besser:


    Aber jetzt geht es zügig weiter; derzeit bestücke ich die Blindenrah mit allem notwendigen Krams, um dann endlich auch die Backstage steif setzen zu können (also die zwei Taue, die da am Klüverbaum so lose runterhängen). :nod:

  • Hallo Bonden


    In diesem Fall kann man nicht einmal von einer Bondage sprechen, denn diese beschreibt ja einen Abriss, wo niemand den Fehler sieht. Der Klüverbaum sieht in der Tat angeknackst aus, jetzt wo Du's sagst. Aber die OP scheint erfolgreich verlaufen und das Ergebnis ist einmal mehr Topp!

    Das mit der selektiven Realitätsverweigerung, das beherrschen wir Modellbauer ja in einem überdurchschnittlichen Mass. Die Folge ist dann eben, das neu entstandene Verb/Substantiv. Man könnte diese selektive Realitätsverweigerung auch "Präbonden" nennen...


    Beste Grüsse

    Peter

  • Ahoi allerseits,

    heute endlich mal wieder was Vorzeigbares aus meiner Werft. Diesmal habe ich leider keine Bilder vom Zwischendurch. Das hat den Vorteil, dass ich keinen weiteren Abriss schildern braucht. Weil, ein Abriss ist es erst dann, wenn etwas dokumentiert und gepostet wurde und danach wieder aus Gründen runter muss.

    Weiter oben hatte ich ja bereits mitgeteilt, dass ich derzeit an der Blindenrah arbeite. Das Rundholz selbst war schon einige Zeit fertig, also an den Enden konisch geschliffen, mit den Rahschalungen und Rahklampen versehen und natürlich schwarz gepönt. Die Blindenrah ist eine Rah, die unter dem Bugspriet gefahren wurde; unter dem Klüverbaum, also der "Verlängerung" des Bugspriets, fuhr man noch die Oberblinde, auch Bovenblinde genannt.

    Ein paar Vorbemerkungen zur Blindenrah und zur Oberblindenrah, die der Bauplan für die Mercury ebenfalls vorsieht: Die Zeit, in der meine Mercury auf den Meeren unterwegs war, markierte einige Änderungen im Schiffbau, wenn auch nicht gravierende. Aber eine davon betraf die beiden genannten Rahen. Die Oberblinde verschwand zu dieser Zeit; historische Abbildungen von baugleichen Schiffen zeigen, dass sie in der Enterprize-Klasse wohl nicht mehr gefahren wurde. So entschied ich mich, diese Rah auch bei meiner Mercury wegzulassen. Die Blindenrah wurde zwar noch gefahren, aber in den meisten Fällen ohne Segel. Sie diente im Prinzip nur noch der Spreizung der Backstage. Daher habe ich beschlossen, an dieser Rah kein Segel anzuschlagen. Gleichwohl braucht diese Rah dennoch Zutakelungen.



    Recherche in Literatur und dem "Götterforum" gaben mir dann die entsprechende Orientierung, und somit konnte ich beginnen, diese erste Rah entsprechend vorzubereiten, um sie schließlich anzubringen.

    Da wären zum einen die Taue, auf denen die Seeleute bis zur Rahnock kommen, denn auch ohne dass da ein Segel zu setzen oder zu bergen ist, kann es notwendig sein, dass man auf der Rah etwas zu arbeiten hat. Diese Taue nennt man Fußpferde, und sie werden an Springpferden befestigt. Diese Taue waren kurze Leinen, die in kurzen Abständen von der Rah herunterhingen. An das Ende eines jeden Springpferdes wurde eine Kausche eingebunden, durch die dann das Fußpferd geführt wurde. Also galt es wieder einmal, Kauschen zu schneiden - wie ich das mache, habe ich ja bereits beschrieben. Ich staune immer wieder, wie schnell sich die Dinger verbrauchen...

    Da die Rah, wie beschrieben, in einer festen Position gehalten werden musste, um die Backstage gleichmäßig zu spreizen, wird sie beidseitig mit stehenden Topnanten versehen. Diese kurzen, gekleideten Taue wurden mittels Kauschen und Taljereeps dicht hinter der Bugsprietvioline befestigt.

    Das Rack, also das Tau, welches die Rah unter dem Bugspriet hält, wurde durch ein paar Trockenübungen genau ausgemessen, an beiden Seiten mit Kauschen versehen und dann so um die Rah und den Bugspriet gelegt, dass es mittels Taljereep zwischen den beiden Kauschen festgezurrt werden konnte. Das war, nebenbei bemerkt, der komplizierteste Teil der ganzen Arbeit an der Blindenrah.

    Die laufenden Topnanten einschließlich der Blöcke mussten ebenso angebracht werden wie die Trissen (heißen an den anderen Rahen Brassen), da es auch ohne Segel nötig werden kann, die Rah in die eine oder andere Richtung zu brassen. Einzig auf die Geitaublöcke konnte ich verzichten, da es ohne Segel auch nichts aufzugeien gibt.

    Ganz wichtig waren dann noch zwei Kauschen, die auf der Oberkante der Rah festgelascht wurden, um die Backstage zu führen, die dann schließlich mit einer Taljereeplaschung am Bug in der Nähe der Kranbalken befestigt und steifgesetzt wurden.

    Nun, das Ergebnis seht ihr auf den folgenden Bildern. Und zu den erwähnten "Nicht-Abrissen" nur soviel: Es ging nicht immer gleich alles gut und musste daher mehrfach gebaut werden - aber wer kennt das nicht. Das waren aber jetzt keine klassischen Baufehler, sondern einfach nur Dinge, die nicht so wollten wie sie sollten. Aber nicht mit mir! nono  :D :D :D




  • Schön, dass es auf der könuglichen Bonden Werft auch wieder weiter geht. Diesmal habe ich aber eine kleine Frage: Sollten die losen Enden der Fußpferde nicht der Schwerkraft folgen und senkrecht nach unter hängen? So sieht es ja wie ein Schiffsmodell aus. ;)

    Glück hat meistens der Mann, der weiß, wieviel er dem Zufall überlassen darf. (C.S. Forester)

  • Sollten die losen Enden der Fußpferde nicht der Schwerkraft folgen und senkrecht nach unter hängen?

    Lose Enden? Meine Fußpferde haben keine losen Enden. Ein Ende ist an der Rahnock befestigt, das andere der Rahklampe der jeweils anderen Seite. :nod:

    Solltest du die Springpferde meinen: Die können bei heftigem Wind schon mal hin und her schaukeln. :D :D :D