HMS Mercury - Fregatte der Enterprize-Klasse; Shipyard-Kartonmodell, 1:72

  • Ich wollte doch noch zeigen, wie ich dieses Ensemble gestaltet habe. Segel hab ich ja noch übrig, da ich nicht alle Stagsegel am Schiff angebracht habe. Also habe ich ein kleines Segel genommen, es teilweise mit Liektau versehen und Schothorn und Halshorn eingebunden.

    Der Segelmacher ist eine Zinnfigur, die ich mal als Einzelstück irgendwo im Internet erworben habe. Ich glaub, von Krick, weiß es aber nicht mehr genau. Das Problem war hier, dass beide Hände gusstechnisch mit den Beinen verbunden waren. Ich wollte aber, dass es so aussieht, als ob der Segelmacher das Tuch mit beiden Händen greift, eine Hand auf, eine unter dem Tuch. Die rechte Hand war nur mit einem relativ kleinen Stück mit dem Knie verbunden, also setzte ich da die Säge an. Im zweiten Bild sieht man den dadurch entstandenen Spalt. Da konnte ich dann das Segel gewissermaßen einfädeln, denn das Liektau passte nicht durch, dafür war der Spalt zu schmal. So setzte ich an einer Stelle ohne Liek an und schob den Meister dann über das Liektau. (Vorher hatte ich ihn natürlich noch ordentlich angemalt.)

    Der Maat war da einfacher, dem klebte ich den Rand des Segeltuchstreifens an die Hände. Dann stopfte ich das ganze Gebilde irgendwie aufs Vordeck, schob es so lange zurecht, bis es passte und leimte den Maat auf das Deck.

    Und ich hatte eine diebische Freude dabei. :D


    Edit: Hier gibt es den Segelmeister. Ist zwar nicht ganz mein Maßstab, aber es gab auch im 18. Jahrhundert große und kleine Leute. :D

  • Weitere Besatzungsmitglieder sind an Deck erschienen. Nun, es gibt schließlich immer was zu tun, und obwohl der Großteil der Mannschaft derzeit unter Deck beim Backen und Banken ist, ruht die Arbeit deshalb nicht.

    Was mir gut zu passe kommt, ist ein Fehler bzw. eine Unterlassung meinerseits, die ich heute entdeckt habe. Am Großbramsegel habe ich vergessen, die Gordingtaue durch die Kauschen zu leiten, bevor sie durch die Blöcke an der Bramstenge laufen.


    Nun, daraus ließ sich wunderbar was machen:

    Am Großbramsegel war ein Gording gerissen und musste repariert werden, also wurden zwei Topgasten in den Mast geschickt. Wie immer arbeiten die Jungs schnell und effektiv. Während Allan McCormick auf der Rah steht und das Tau nach der Reparatur wieder durch Kausche und Block gefädelt hat und nun aufpasst, dass sich nichts verheddert, zieht sein Messekamerad Bob Woddle auf der Marsplattform das Tau herunter, um es dann an den Stengewanten zu belegen.


    (Bob war ursprünglich einer, der ein Beil schwingt. Das hab ich ihm aber weggenommen, da wo die Axt war, den Bohrer angesetzt und dort dann das Gordingtau durchgefädelt. Hier er und sein beilschwingender Doppelgänger)


    Und während er da noch zieht, kommt Jimmy Hoskins über die Püttingswanten zu Hilfe.


    Der Ausguck, Georg Floyd Jr., freut sich auf die Ablösung, die auch schon in Gestalt von Will Poland naht.


    Peter, den alle nur "Der Schwede" nennen, spannt auf dem Vordeck ein Gordingtau des Großsegels nach, und der schweigsame Dudley Banks schießt an der Querreling des Achterdecks ein Tau auf, um der nachfolgenden Wache eine ordentliche Station zu überlassen.


    Barrett B. und sein Kumpel Dudley sind die Rudergänger; sie haben heute einen relativ ruhigen Tag. So haben die beiden Offiziere keine Veranlassung, einzuschreiten und können sich weiter ihrem gemütlichen Plausch hingeben. (Der diensthabene Offizier ist auch schon in Arbeit...)


    Gleich geht's weiter...

  • Arland Meyers ist der Ausguck auf dem Besan; auch seine Ablösung in Gestalt des ursprünglich aus Deutschland stammenden Karl Muller ist schon auf dem Weg nach oben.

    Die zwei, die das Kugelrack auffüllen, hab ich ja bereits vorgestellt. Aber wer ist denn der da mit dem breiten Kreuz, und was macht der da? Will der etwa ins Wasser springen?


    Nein, es ist der heutige Messedient, Malcom Hogg, der eine Pütz Küchenabfälle an die Haie verfüttern will.


    Soviel für heute von einem ganz normalen Tag an Bord der HMS Mercury. :wink:

  • Ich habe heute noch eifrig den Pinsel geschwungen. Für diese beiden Kameraden hier habe ich jeweils ca. eine Stunde benötigt; ich stelle euch die zwei vor, wenn sie an Bord gehen.


    Für den ersten Leutnant, der derzeit die Wache hat, brauchte ich reichlich zwei Stunden.


    Leutnant Geoffrey Tucker gilt an Bord als harter, aber gerechter Offizier. Die Seeleute begegnen ihm mit Respekt, aber nicht gerade mit großer Liebe. Klar, wenn er jemanden an Deck sieht, der offenbar nur Maulaffen feil hält, findet er sofort eine Arbeit für denjenigen. Kein Wunder, dass sich immer dann, wenn er Wache hat, kaum einer der Freiwächter an Deck sehen lässt. Und hier sehen wir ihn an seinem Lieblingsplatz - den Kompass in Reichweite, so dass er den Rudergängern sofort Bescheid stoßen kann, wenn die es sich einfallen lassen, auch nur einen halben Strich vom Kurs abzufallen.

    Das vertrauliche Gespräch, welches sein Herr und Meister, Kapitän William Carlyon (dieser Name ist authentisch, er war in der Tat Kommandant der Mercury von Mai 1781 bis September 1782) mit dem Gast auf dieser Reise, einem kleinen, aber schon sehr berühmten Admiral, der sein neues Kommando in Übersee übernehmen will, will er keinesfalls stören und auch nicht den Anschein geben, als würde er lauschen. Und so knurrt er immer mal wieder laut und etwas öfters als sonst die Rudergänger an, ja den Kurs zu halten.

  • Ahoi allerseits,


    wie immer danke ich für die netten Kommentare und die Likes. Speedy , danke für die Recherche - das zeigt, dass die Mercury eine echte Kaderschmiede war! (Den Begriff und seinen Ursprung kennen vermutlich auch nicht alle...fr21)


    Aber wie heißt es so schön bei Monty Python? Kommen wir nun zu etwas ganz anderem. So langsam müssen ja mal die Beiboote an Deck. Die Aufliegerbalken über der Kuhl, die man schon auf vielen Bildern dieses Bauberichtes sehen konnte, sind bisher nur aufgelegt, aber noch nicht befestigt. Jetzt habe ich sie abgenommen. Die Abstände der kleinen Markierungen bezüglich der späteren Befestigungspunkte habe ich dann genau ausgemessen und mir auf einem Stück Balsaholz ein "Dummie-Deck" geschaffen. Von den vier Balken sind nur zwei relevant für die Lagerung der Boote; diese habe ich mit Stecknageln auf dem Balsaholz fixiert. Dann habe ich mir die Bootsklampen gefertigt. Das hab ich freihändig gemacht, erst die exakte Position ermittelt, dann von den jeweiligen Booten die Rumpfform an diesen Stellen so irgendwie freihändig auf Normalpapier gezeichnet, ausgeschnitten und dann mit viel Schnippelei und wieder anhalten und wieder schnippeln und wegschmeißen und nochmal anfangen und so weiter so lange gefriemelt, bis es passte. Das dann auf dicken Karton übertragen, ausschneiden, etwas Korrekturschnitzen, mit dem selben dicken Karton doppeln, in Form bringen und schließlich auf die Decksbalken kleben.

    Nur nochmal zur Erinnerung: Es gibt unverständlicherweise für die 1:72-Mercury bei Shipyard keine Beiboote und daher auch keine Bootsklampen. Die 1:96-Variante hat sie interessanterweise. Diese Beiboote hier habe ich mir im Internet gekauft; es sind die Boote für die HMS Surprise im Maßstab 1:75, also schon passend, zumal die HMS Surprise ebenfalls eine 6-rate-Fregatte war.


    Das sah anfangs dann noch etwas rustikal aus.


    Aber dann gab es erstmal eine Stellprobe. Klar, jetzt sieht man von den Klampen nicht mehr wirklich viel.


    Für die Jolle wird es eine gesonderte Lagerung geben - logisch, dass die da nicht so lose im großen Boot sitzen kann. Das aber später.


    Dann wurden die Klampen samt Balken gestrichen. Und dann gibt es noch ein nettes Gimmick: Jessica und ich haben uns vorgestern jede Menge Fotos der Victory angeschaut. Also die originale, die in Portsmouth. Auf einem sieht man, dass sie dort die Klampen für die Boote mit einem Überzug aus Leder? Segeltuch? was auch immer versehen haben, um den Bootskörper zu schützen. Das fand ich toll und habe mir aus Segelresten dünne Streifchen geschnitten, diese mit Weißleim auf die Kanten der Klampen geklebt und anschließend "geteert" - hier mit dunkler Beize eingefärbt.

    Auch davon wird man am Ende kaum noch etwas sehen - aber egal, ich weiß, dass es da ist. Und falsch ist es auf keinen Fall. :pf:


    Für die Jolle werde ich zwei Auflager herstellen, die auf den Duchten bzw. dem Süllrand des großen Bootes aufliegen. Und wie es dann weitergeht, werdet ihr demnächst erfahren. Versprochen! :sun:

  • Die kleinen Geschichten, die die Anordnung Deiner Figuren erzählen, machen das Modell erst spannend.

    Wie zufrieden bist Du mit den Figuren von Dusek?


    Deine kleinen Boote sind einfach eine Augenweide.

    Gruß Christian


    In der Werft: HMS Triton, 1773
    "Behandle jedes Bauteil, als ob es ein eigenes Modell ist; auf diese Weise wirst Du mehr Modelle an einem Tag als andere in ihrem Leben fertig stellen."

  • Es ist schon toll, welche spannenden Kleinigkeiten so ein Modellbau zutage fördern kann. Diese Überzüge gehören für mich dazu. Eigentlich ist es vollkommen logisch, dass es sie gibt. Man muss halt nur darauf kommen.

    Glück hat meistens der Mann, der weiß, wieviel er dem Zufall überlassen darf. (C.S. Forester)

  • Wie zufrieden bist Du mit den Figuren von Dusek?

    Hmm, bisher noch nicht so sehr - und bisher hab ich auch keine davon im Einsatz. Das Material ist extrem hart und spröde, und es ist ein Trugschluss, dass man dadurch, dass die Figuren in Einzelteilen daher kommen, auch "Wunschposen" gestalten kann. Die Art und Ausrichtung der Klebeflächen lässt immer nur genau eine sinnvolle Position zu. Außerdem muss man die Klebenähte noch zuspachteln, ansonsten sind sie einfach viel zu dominant. Ich habe mir jetzt Milliput, eine Zweikomponenten-Modelliermasse, besorgt und will demnächst mal versuchen, was ich damit zuwege bringe. Aber allzu viele Figuren kommen auch nicht mehr an Deck.

  • Das mit den aktiven Besatzungen hat schon was. Besonders gut gefällt mir, daß Du sie nicht wie Streugut über das Schiff ausschüttest.


    seufz.. bisher habe ich noch keine brauchbaren Sailors in 1:48 für die Tudorepoche gefunden. Aber vielleicht versuche ich mich, wenn es so weit ist, a la Dafi mal als Modellierer.


    Den Lagerschutz für die Boote hat es wohl schon immer gegeben. Auch heute noch werden Rettungs-/ Beiboote auf ihren Lagern mittels fester Schaumstoffauflagen vorm Schamfielen geschützt. Zudem lassen sich die Boote auf diesen Schaumstofflagern, die eine gewisse Elastizität haben, nicht nur schonend sondern auch verschubsicher lagern.


    Cheers


    Angarvater

    To the optimist, the glass is half full.
    To the pessimist the glas is half empty.
    To the engineer, the glass is twice. As big as it needs to be.

  • da findest du wahrscheinlich was bei Hecker&Goros Angarvater


    Multiposefiguren sind meist ein Hohn, da muss bei anderen Posen immer extrem viel gespachtelt, geschnippelt und geschliffen werden.

    Aber besser als alles selbst zu machen....


    aga

    Gentlemen, when the enemy is committed to a mistake, we must not interrupt him too soon.

    Adm. Horatio Nelson

  • Ahoi allerseits,


    dann will ich mal wieder einen kurzen Bericht über die jüngsten Werftaktivitäten abgeben.

    Ich hätte ja nicht gedacht, dass ich mit den Beibooten derartig viel und lange beschäftigt bin. Die Lagerung der Jolle war besonders spannend. Liest und schaut man sich so um in der Welt von Literatur und Foren, findet man mal wieder eine unglaubliche Vielfalt an Möglichkeiten. Standards gab es dafür keine. Oben offen einsetzen, Kieloben einsetzen. Duchten des großes Boots rausnehmen, Duchten drin lassen. Und und und... Letztendlich habe ich mich dafür entschieden, die Duchten der Barkasse da zu lassen wo sie sind. Als Auflager für die Jolle hat meine Mannschaft eine starke Bohle genommen, darauf längs zwei Leisten gesetzt, zwischen die genau der Kiel der Jolle passt. Damit die Duchten der Barkasse nicht zerkratzt werden, haben die Jungs ein Stück altes Segeltuch drübergelegt, bevor sie die Jolle da lagern. Augbolzen im Deck dienen dazu, auf der einen Seite das Festmachtau einzuhaken und auf der anderen Seite dann mittels Arbeitstalje beide Boote fest zu fixieren.


    Bei einem "Probesitzen" sehe ich, dass ich am Rumpf der Jolle unbedingt noch nacharbeiten muss - meine Hoffnung, dass man die Unglücksstellen meines ersten Beibootes später nicht sieht, hatten sich nicht erfüllt.


    Also wurde mit Spachtelmasse, Sandpapier, Pinsel und Farbe für einen wohlgefälligeren Anblick gesorgt. Und da sind die ersten beiden Boote an Bord.


    Nun die Überlegung, wie ich die beiden Boote auf den äußeren Positionen festmachen soll. Auch hier denke ich zuerst an eine Arbeitstalje, entscheide aber sehr schnell, dass zwar das Ende mit dem Haken am Ende des Taus in einen Augbolzen an Deck eingehakt wird, das Gegenstück aber nicht ebenfalls an Deck enden kann, denn dann würden diese Taljen irgendwo ganz dicht bei den Geschützen sein und die dazugehörigen Augbolzen würden zusätzliche Stolperfallen bilden. Also kam nur ein Festmachen auf dem Laufsteg zwischen Achter- und Vordeck in Frage. Soweit, so gut. Also baute ich auch hier Arbeitstaljen (ein Doppelblock oben, ein Einfachblock unten, der mittels Haken in einen Augbolzen eingehakt wird). Leider hab ich dann vergessen, davon ein Foto zu machen - glaubt mir einfach: Das sah grässlich aus! Zwischen dem oberen und unteren Block war grad mal ein Millimeter Platz, das alles wirkte völlig überdimensioniert. Und nun ratet, wer die Lösung hatte? DER Film hatte die Lösung! Und wer das Buch "The Making of MaC..." von Tom McGregor hat, kann auf Seite 23 nachschlagen. Keine Blöcke, sondern Kauschen! Ich hab das dann so gelöst, dass an das Ende des Taus eine Kausche kam und das Taljereep dann direkt durch den Augbolzen auf dem Laufsteg geführt wurde.

    Das sieht dann so aus, auf beiden Seiten:


    Und dann stelle ich euch ein weiteres Besatzungsmitglied vor. Im letzten Bild zuvor sieht man schon ganz rechts. Es ist der junge Lord Lavery, Spross aus gutem Hause, der als Midshipman auf der HMS Mercury schon sein drittes (echtes) Jahr auf See verbringt. Er ist noch immer etwas übereifrig und meint hier, den Männern aus seiner Wache, die da oben in der Takelage des Großmastes arbeiten, von unten mittels Flüstertüte Anweisungen geben zu müssen. Der Erste hört das natürlich (was Lord Lavery ja auch bezweckt) und denkt amüsiert (ohne sich das Amüsement äußerlich anmerken zu lassen: "Mein Gott, war ich damals auch so? Nun, immerhin piepst er nichts Falsches da hoch, auch wenn die alten Salzbuckel da oben gut darauf verzichten können."


    So, zum Schluss noch zwei Bilder für den Gesamtüberblick:

  • Wahrscheinlich denken sich die Toppgasten: Lasst den jungen Herrn da unten schreien, dann müssen wir ihn nicht aus der Takelage retten.

    Die jungen Pullings und Mowet hätten wahrscheinlich eher selbst mit Hand angelegt. ;)

    Glück hat meistens der Mann, der weiß, wieviel er dem Zufall überlassen darf. (C.S. Forester)

  • Hallo Bonden

    Auch die Tatsache, dass Du das so locker-flockig baust und erzählst, ist für mich ein Zeichen, dass Du hier nicht nur Deine Passion, sondern auch Dein riesiges Talent dazu voll ausschöpfen kannst und Du uneingeschränkten Spass dabei hast. Und genau das soll ein Hobby ja erfüllen!
    Ein Gesamtpaket, das einfach nur überzeugt!
    Beste Grüsse

    Peter