Band 18 - Ramage auf Erfolgskurs

  • 'Der Tod eines jeden Menschen macht mich ärmer.'


    Am 25.4.1997 verstarb Dudley Bernard Egerton Pope im Alter von 82 Jahren auf St. Martin in der Karibik. Der 18. Band 'Ramage auf Erfolgskurs', übersetzt von Uwe D. Minge, erstmals erschienen als 'Ramage and the Dido' 1989, ist seine letzte Veröffentlichung zu Lebzeiten.
    Ob gewollt oder durch Krankheit und Tod herbeigeführt, ist dies auch das Ende der sehr erfolgreichen und vielfach übersetzten Reihe über den heldenhaften Lord Nicolas Ramage. In diesen letzten Abenteuern lässt Pope seine treue Leserschaft wiederum teilhaben an immer wieder knallbunten Ideen, die bekannte Motive aufgreifen und variieren ohne plump zu wiederholen. Die Aneinanderreihung mehrerer Abenteuer und ein immer flüssiger Erzählstil meist aus auktorialer oder personaler Erzählperspektive sorgen für einen reibungslosen und erfolgreichen Ablauf der Geschichte wie auch des Leseerlebnisses.
    Die Geschichte lässt sich gut skizzieren: Nach einem familiären kurzen Vorgeplänkel in England setzen Ramage und seine Crew die Dido in Stand, ein recht neues 74-Kanonen-Linienschiff. Ziel: Barbados in der Karibik. Auf der Atlantiküberquerung rettet die Dido eine britische Fregatte, die von 2 französischen Fregatten und einem Linienschiff gejagt wird. Eine Fregatte und das Linienschiff werden versenkt. Die britische Fregatte Heron geleitet die französische Lequinmit vielen Gefangenen zurück nach England. Auf Barbados wartet ein gutmütiger Admiral. Ramage soll Martinique blockieren. Dort liegen noch ein französischer 74er und eine Fregatte. Auf dem Weg dorthin wird eine en flute segelnde Fregatte aufgebracht und nach Barbados geschickt. Aus dem Hafen Fort St. Louis wird die nächste Fregatte gekapert und auch nach Barbados geschickt. Eine weitere Fregatte schlüpft Ramage durch die Maschen und überbringt den Franzosen die Nachricht eines sich nahenden Geleitzuges. Und noch einmal linkt dieser Franzmann den Lord. Hinter einer Klippe wartet die Dido auf das Auslaufen des franz. 74ers. Er kommt, sie beschießen sich, der Franzose läuft auf ein Riff. Tags darauf wird das Schiff verbrannt. Der Admiral ist höchst zufrieden und lobt den Lord und seine Crew. Aitken, der 1. Offizier wird befördert zum Fregattenkapitän, Steuermannsmaat Orsini wird sein Leutnantsexamen ablegen, Ramage erhält einen weiteren wichtigen Auftrag. Schluss.
    Während alle wichtigen, den Lesern sehr vertrauten Figuren sämtlich überleben, konnte in den vergangenen Abenteuern ein Anwachsen des Blutzolls verzeichnet werden.
    Ein historisch verbürgtes Ereignis ist mit künstlerischer Freiheit in den Storyverlauf eingefädelt. Die französische Fregatte Volage, die en flute segelte, beförderte Mango-Pflanzen von Mauritius nach Martinique, um sie in der Karibik anzupflanzen und eventuell heimisch werden zu lassen. Historisch verbürgt ist dies für das Jahr 1782, als die britische Fregatte Flora(welch passender Name!) ein französisches Schiff mit Mango-Pflanzen aufbrachte.


    Pope verbrachte viele Jahrzehnte als Skipper verschiedener Yachten Mittelmeer und auch in der Karibik. Dies seinen Romanen immer positiv anzumerken. Genaue Kenntnisse über die hiesigen Gewässer und Gezeiten, Winde und Flora und Fauna bereichern seine Geschichten.
    Im vorliegenden letzten Band kleidet die tropische Natur die Geschichte aus: Delphine, Mother Carey's Chicken, Wale, ein Hai und andere Raubfische fliegen und schwimmen durch den Roman. Man isst Südfrüchte: Bananen, Papaya – auf die Mangos müssen die Leser noch warten. Und dass Louis de Bougainville 1768 Planzen (Bougainvillea) aus Brasilien mitbrachte, die auch heute noch den gesamten Mittelmeerraum farbenfroh verzieren, können wir nebenbei erfahren.
    Beim Affenschlürfen geht es darum, aus angebohrten Kokosnüssen die Kokosmilch zu trinken. Nicht ganz richtig! Der ausgebuffte, liebenswerte Matrose Stafford (auch von Anfang an dabei) erklärt seinen französischen Freunden augenzwinkernd, dass es sich beim wahren Affenschlürfen darum handelt, die mit Rum verlängerte Kokosmilch aus der Nuss zu trinken.


    Auch dieser letzte Band ist randvoll gefüllt mit maritimen Kriegsgetöse. Viele feindliche Schiffe werden versenkt oder erobert, es wird überfallen, Breitseite an Breitseite geschossen, aufs Riff geschickt und auch gebrandschatzt. Für die Feuerszene gebrauchen Autor und Personal die Metapher: Tor zur Hölle! 3 Fregatten landen als Prisen auf dem Buffet vom Admiral, garniert als Beilagen noch etliche Frachtschiffe.
    Bei diesen überaus gelungen dargestellten Seeschlachten gestaltet der Autor Pope eine Reminiszenz an den Urvater maritimhistorischer Romane, Forester, der ihm, den frühen Sachbuchautor den Schritt zum Romancier seinerzeit nahelegte. Wie sein Bruder im Geiste (auch wenn die zweifelnde Natur bei Ramage insgesamt wenig ausgeprägt ist) nutzt Tricky Ramage wie schon Hornblower den Überraschungsmoment, indem er seinen Gegner (hier nicht Natividad, sondern Junon) mit einer Kurskorrektur auf die Lee-Seite des Gegners kurz vor der gegenseitigen Kanonade überrascht, so dass dieser nicht feuern kann und Ramage die gesamte Breitseite in seinen Gegner pumpen kann, ohne dass dieser irgendwie darauf vorbereitet ist, weil alle Kanoniere auf der Backbordseite hilflos ohne Reaktion verharren. Alle Fans des Genres lieben diese Szene, ist sie doch zum Inbegriff intelligenter Seekriegsführung mutiert. Diese Szene finden wir im 18. Band wieder und wir können sie werten als höfliche Verneigung in Richtung Forester und auch als Lebewohl für den Helden Lord Ramage, der Kapitän im 2. Band wurde und bis zum 18. Band nicht wirklich befördert wurde.
    Auch dies unterscheidet die Ramage-Serie von vielen anderen Reihen. Der Beförderungssprung vom relativ unabhängigen Fregattenkapitän und kurzzeitigen Linienschiffkapitän zum Flagkapitän ist vielen Figuren und damit der zugehörigen Literatur in den meisten Fällen nicht gut bekommen.
    Insofern findet diese Reihe und dieser Band auch ein angenehmes, eher untypisches Ende, zumal das sympathische Personal sämtlich überlebt. So bleibt den Lesern die Möglichkeit, mit eigener Fantasie die verwegenen, auch lustigen, immer fintenreichen Geschichten weiterzuspinnen. Und diese positive Möglichkeit, die Ramage-Fäden aufzunehmen, verhindert auch der Tod des Personals nicht macht daher niemanden ärmer.
    Ganz im Gegenteil: „Du kannst über den Dienst unter dem Kommando von Mr. Ramage sagen, was du willst“, stellt Stafford abschließend fest. „Jedenfalls gibt es immer eine Menge Abwechslung. Manch einer könnte sagen, daß es davon so gar zu viel gibt. Das gilt natürlich nicht für mich, fügte er eilig hinzu. Mir macht das richtig Spaß.


    "Wie die Luft gehört die See als Geburtsrecht allen Menschen.“
    (Thomas Jefferson 1743 - 1826)

  • Ähnlich wie bei Patrick O'Brian stoppte der Tod auch bei Dudley Pope das künstlerische Schaffen ziemlich abrupt. Man spürt förmlich, dass noch nicht alles gesagt ist, dass noch so viel zu sagen wäre.
    Beim erstmaligen Lesen habe ich diesen Band als eine Art Übergang empfunden. Ein Übergang zu einer neuen, bislang noch nicht erzählten Geschichte. So bleibt nur die Hoffnung, dass wir irgendwann in einer anderen Welt die Fortsetzung von Dudley Pope direkt, vielleicht bei einem guten Glas Wein, erfahren.

    Glück hat meistens der Mann, der weiß, wieviel er dem Zufall überlassen darf. (C.S. Forester)

  • Das ist doch wahrlich eine ganz feine Vorstellung. In für mich neuer Runde bei gutem Wein die Geschichten fortspinnen, die noch nicht beendet sind oder fortgesponnen wollen werden. (?) Das passt schon bald mal. Ich nehme wahr, wann sich wer und wo trifft und werden sicherlich 2019 dazu stoßen. Versprochen.

    "Wie die Luft gehört die See als Geburtsrecht allen Menschen.“
    (Thomas Jefferson 1743 - 1826)

  • Ähnlich wie bei Patrick O'Brian stoppte der Tod auch bei Dudley Pope das künstlerische Schaffen ziemlich abrupt. Man spürt förmlich, dass noch nicht alles gesagt ist, dass noch so viel zu sagen wäre.

    Wenn man sich die Daten etwas genauer anschaut, so liegen immmerhin 8 Jahre zwischen dem Erscheinen seines letzten Romans und seinem Tod. Wie ich inzwischen erfahren habe, machten sich mit zunehmenden Alter seine Kriegsverletzungen immer stärker bemerkbar, so dass er die letzten Jahre im Rollstuhl verbrachte und auch nicht mehr die geistige Spannkraft besaß, sein Werk fortzusetzen. Ich weiß nicht, ob er Entwürfe oder Manuskripte hinterlassen hat.

    Glück hat meistens der Mann, der weiß, wieviel er dem Zufall überlassen darf. (C.S. Forester)

  • Tja das Alter.

    Aus der Nummer kommt man nicht mehr raus.

    Habe das bei meinem Grossvater erlebt, er wollte noch viel erzählen schaffte es aber nicht mehr wegen einer rasch fortschreitenden Demenz.


    Aga

    Gentlemen, when the enemy is committed to a mistake, we must not interrupt him too soon.

    Adm. Horatio Nelson