Band 11 - Hafen des Unglücks


  • Wenn früher Dallas im Fernsehen lief, um dem staunenden Publikum zu zeigen, wie es bei den Ölbaronen so zugeht, wurde die Handlung immer wieder durch einscheidende Ereignisse aufgelockert. Entweder trafen sich alle im Krankenhaus, weil einer der Ihren einen Unfall oder den längst erwateten Herzinfarkt hatte, oder man stand (mal wieder) vor Gericht, besonders wenn Cliff Barnes als Staatsanwalt mal wieder der Meinung war, seinen Intimfeind J.R. Ewing zur Strecke bringen zu können. POB hat solche Kniffe eigentlich nicht nötig, doch seinem Helden Jack Aubrey gegenüber entwickelte er ja immer wieder mal eine gewisse sadistische Ader, indem er ihn an Land krachend scheitern ließ. Und so ist dieser Band in mehrfacher Hinsicht ein Unikum innerhalb der Aubrey-Maturin-Reihe, denn als Seefahrtsroman oder marinehistorischen Roman kann man ihn kaum bezeichnen, eher ist er ein Gerichtsdrama.
    Jack Aubrey will wieder einmal ganz besonders schlau sein und beteiligt sich an einer Spekulation, die ihn letztendlich vor Gericht bringt und seine ganze Karriere gefährdet. POB schildert den Prozess in epischer Breite, so dass man selbst mit den Feinheiten der englischen Prozessordnung jener Zeit vertraut gemacht wird. Das mag nicht unbedingt jedermanns Sache sein, aber POB liebte es nun einmal, ins Details zu gehen. Übrigens wandelt Jack hier wieder einmal auf Thomas Cochranes Spuren.
    Ein weiterer Einschnitt in Jack Aubreys Leben ist die nun endgültige Außerdienststellung seiner geliebten Surprise. Aber hier findet sein Freund Stephen eine Lösung.


    Mich persönlich deeprimiert dieser Band immer wieder aufs neue und ich habe wirklich Probleme, ihn flüssig zu lesen. Trotzdem kann ich dem Roman seine Qualität nicht absprechen, denn selbst bei der streckenweise trockenen Thematik bleibt der Humor niemals ganz auf der Strecke. Doch komme ich nicht umhin, aus persönlichen Gründen einen Punkt abzuziehen. :4*:

    Glück hat meistens der Mann, der weiß, wieviel er dem Zufall überlassen darf. (C.S. Forester)

  • Da ich hier nicht als Erstausgabe rezensieren kann und darf.....
    Ja - genau das ist doch das Fantastische an POB Romanen. Er braucht keine Kniffe wie die frühen Dallas-Macher (schlimmer sind ja noch die In-die-Länge-Zieher von GoT!).
    Ich habe die POB Romanreihe vor vielen Jahren gelesen, lange bevor es DEN FILM gab. Ich habe mich so gefreut, dass hier einer unserer Helden auch der weltlichen Tragik der Normalität erliegt, an Land rumlubbert, Fehler macht, Bankrott geht, im Schuldenturm sitzt und und und -
    Meisterlich wie dieser Autor dies dadurch karikiert, dass er es als Humoreske inszeniert - wunderbar. Der Held als Mensch mit Fehlern und vor allem einem genussvollen Leben - nicht gesund, aber immer mit Herz und Humor!
    Herrlich - ich werde wieder zu POB zurück kehren, aber ein anderer Held muss erst noch mit Mörsern schießen....

    "Wie die Luft gehört die See als Geburtsrecht allen Menschen.“
    (Thomas Jefferson 1743 - 1826)

  • Da ich hier nicht als Erstausgabe rezensieren kann und darf.....

    Dier alten Männer wollen ja auch mal ihre Meinung sagen. ;)


    Du hast natürlich Recht - sagt mir mein Verstand. Es ist aber nunmal so, dass ich beim Lesen so komplett abschalten kann, dass mich Jacks und Stephens Schicksalsschläge fast persönlich berühren. Und so wird es für mich erst dann wieder richtig schön, wenn wir wieder in See stechen und die Sorgen an Land zurück lassen.

    Glück hat meistens der Mann, der weiß, wieviel er dem Zufall überlassen darf. (C.S. Forester)

  • Ach du Schreck, ich bin derzeit schon bei Band 18 und hänge hier ja fürchterlich mit meinen Lesezeichen hinterher! Dann aber mal los - hier meine ganz persönlichen Highlights aus diesem Band:


    Das Buch beginnt damit, dass die Surprise die Reede von Bridgetown anläuft, wo das Westindien-Geschwader unter Sir William Pellews liegt. Und während man sich in der Admiralskabine der Irresistible über die Erfolge, Vorzüge und Affären von Jack Aubrey auslässt, hat die Freiwache unter Deck in Bezug auf die Surprise ganz andere Themen. Und eins davon bin ich:


    »Da drüben, das ist mein Bruder Barret«, sagte an einer anderen Stückpforte Robert Bonden, der Segelmachersmaat. »Seit Jahr und Tag ist der schon Bootssteurer bei Kapitän Aubrey. Hält große Stücke auf ihn, und das obwohl der ein ganz strenger Skipper ist. Frauen an Bord gibt’s bei dem nie nicht.«


    Ja ja, mein Bruder Robert. Ich wusste bis dahin nichts von seiner Existenz. :D


    Dann ist da unser alter Bekannter, Mr. Mowett. Er hat soeben tolle Nachrichten erfahren. Immer wieder schön, unseren Killick in solchen Momenten zu erleben:



    Zeitgleich mit dem duftenden Gebräu erschien der Erste Offizier, und sein strahlendes Gesicht hellte die Kajüte um einiges auf. Auch in gewöhnlichen Zeiten war es ein offenes Gesicht, das zu sehen angenehm war, ja sogar erfreulich, jetzt jedoch glühte es geradezu vor Freude, und beide mußten trotz ihrer trüben Laune unwillkürlich lächeln.
    »Sieh an, mein lieber Mr. Mowett«, sagte Stephen. »Was liegt an?«
    »Sir, man will meine Gedichte herausbringen. Sie sollen gedruckt werden und in einem richtigen Buch herauskommen.« Vor lauter Glück lachte er laut heraus.
    »Nun, meinen herzlichen Glückwunsch dazu, also wirklich«, sagte Jack und schüttelte seine Hand. »Killick, heda, Killick: Komm mal klar mit einer Flasche von dem echten französischen Brandy.«
    »Wo ich den doch gerade hole, oder etwa nich’«, maulte Killick, aber nicht in voller Lautstärke. Er hatte natürlich alles mitgehört, und obwohl es nicht allzuoft vorkam, daß Marineoffiziere einen Gedichtband veröffentlichten, wußte er ganz genau, wie ein solches Ereignis zu feiern war.


    Und dann ein weiterer Beitrag zur Beantwortung der Frage, was denn nun Jacks Leibgericht ist. hier wird man an DEN Film erinnert; immerhin erfährt die Aussage eine gewisse Relativierung, und es ist ja tröstend, dass das sturmbedingt nicht wie geplant verlaufende Dinner in der Offiziersmesse wenigstens diesen kleinen kulinarischen Höhepunkt hatte:


    Eigentlich hatten sie ihren Kapitän ja königlich bewirten wollen, zuerst mit frischer Schildkrötensuppe und dann einem Gaumenschmaus nach dem anderen. Doch aus diesem Plan wurde nichts, denn kaum war das gepökelte Rindfleisch für die Mannschaft zum Kochen gebracht, mußten in der Kombüse die Feuer gelöscht werden, und statt exquisiter Genüsse gab es in der Messe deshalb nur einen teils kalten, teils lauwarmen Imbiß. Wenigstens stand aber Schweinskopfsülze auf dem Tisch, eines von Jacks Leib- und Magengerichten, und außerdem Pudding mit Melasse, der sich nach seinen Worten sowieso besser essen ließ, wenn er einem »nicht den Schlund verbrannte«.


    Immer wieder schön die Szenen an Land, wenn Jack mit seiner kleinen Stammcrew nach Hause kommt. In diesem Fall war das Haus leer, weil Frau, Kinder und Schwiegermutter verreist waren, was die Seeleute dann dazu veranlasste, das Haus von Grund auf shipshape zu machen.


    In den langen Jahren auf See hatte sich Stephen an Unbequemlichkeiten der übelsten Sorte gewöhnt, sei es an Bord, sei es an jedem anderen Ort, den die Marine mit ihren alttestamentarischen Vorstellungen von ritueller Reinheit heimsuchte. Nichts, was er je erlebt hatte, reichte jedoch auch nur entfernt an den trostlosen Anblick heran, den Ashgrove Cottage nach dem Einrücken der diversen Arbeitstrupps im Morgengrauen bot: Man hatte nun sämtliche Türen und Fenster ausgehängt und mit Holzpflöcken an einem ausgeklügelten Netzwerk von Leinen aufgehängt, die kreuz und quer über den Stallhof gespannt waren und ein Maximum an Luft und Sonne für Vorder- wie Rückseite garantierten. Durch das ganze Haus hallte der Lärm eines seemännischen Reinschiffs: Wasser plätscherte, spritzte und strömte, Böden wurden mit aller Macht geschrubbt und gefeudelt, irgendwo stampfte und mahlte es; dazu kamen die lautstarken Matrosenstimmen, die den Eindruck noch verstärkten, daß das Anwesen gerade geentert und im Sturm genommen wurde. Während draußen himmlisches Wetter war, ging es innen zu wie in einer Mischung aus Manufaktur, Wasserwerk und staatlicher Besserungsanstalt, in der die Insassen härteste Zwangsarbeit leisten mußten.


    Tja, das war es schon; bei einigen weiteren Lesezeichen wusste ich beim besten Willen nicht mehr, warum ich sie gesetzt hatte. ?(