Band 12 - Unter dem Nordlicht

  • Nach Lord Dungarths Tod, dem Chef des Marinegeheimdienstes, wird Drinkwater dessen Nachfolger. Unser Held ist kriegsmüde und schwermütig, er ist nun über 50 Jahre alt und seit seiner Jugend auf See und an Land im blutigen Kriegshandwerk tätig. Das hat ihn mit der Zeit zu einem etwas granteligen Eigenbrötler gemacht, zumindest in den Augen vieler seiner Mitmenschen. An sich könnte er ja Grund zur Zufriedenheit haben, dass er nicht mehr auf dem Achterdeck eines Schiffes stehen muss, sondern statt dessen einen einigermaßen einträglichen Posten an Land bekommen hat, aber da er dafür in London leben muss und sich seine Frau weigert, das Landgut, dass sie und ihre beiden Kinder in reichlich 150 Meilen Entfernung bewohnen, für eine Londoner Wohnung zu verlassen, kann sich Drinkwater eben nicht täglich an seiner Familie erfreuen. Und er merkt schnell, dass ihm die Seeluft fehlt. Aber allzu lange verbleibt er nicht auf diesem Posten, der ihm keine rechte Freude bringt. Als ein neapolitanischer Offizier in England ankommt, der auf Geheiß seines Königs, Joachim Murat, Geheimverhandlungen mit England aufnehmen soll, um im Falle einer Niederlage Napoleons seinen Thron zu retten, ergeben sich plötzlich ganz neue Aussichten: Drinkwater, der kurz zuvor erfahren hat, dass seine Abteilung aufgelöst werden soll, bekommt diesen Abgesandten als erster in die Hände. So erfährt er, dass Frankreich plant, im Zusammentun mit Amerika kanadischen Separatisten Waffen und andere Kriegsausrüstung zu liefern, um so England zu schaden. Die Übergabe soll in einem norwegischen Fjord stattfinden (Norwegen stand zu dieser Zeit unter dänischer Herrschaft). Drinkwater kann die Admiralität überzeugen, ihm kurzfristig eine Fregatte zu geben, um dies zu verhindern. Zusätzlich erhält er noch den Kutter Kestrel, sein erstes Kommando vor langer Zeit; als Kommandant gewinnt er seinen Freund James Quilhampton. Noch bevor die Reise losgeht, wird der neapolitanische Gesandte unter mysteriösen Umständen entführt und ermordert, außerdem wird in seine Londoner Wohnung eingebrochen und wichtige Papiere gestohlen.
    Als die Fregatte Andromeda gleich zu Beginn der Fahrt in einen schweren Sturm gerät, reißt sich eine Kanone los; nur knapp entgehen Schiff und Besatzung schwerwiegenden Schäden. Es stellt sich heraus, dass dies kein Unfall, sondern ein Sabotageakt war. Der oder die Täter bleiben lange Zeit im Dunkeln. Zu allem Unglück verliert man auch jeglichen Kontakt zur Kestrel.
    Endlich in dem bewussten Fjord angekommen, sieht sich Drinkwater nicht nur zwei amerikanischen Freibeuterschiffen gegenüber, mit denen er allein noch gut fertig geworden wäre, nein, eine neugebaute schwere dänische Fregatte trifft kurz nach ihm ein, und es kommt zu einem ersten schweren Gefecht. Während dieser Schlacht kommt es erneut zu einem Sabotageakt, welcher das Kriegsglück stark zu Ungunsten Drinkwaters verschiebt. Dennoch wird auch die Odin, das dänische Schiff, ordentlich beschädigt, und am Ende trennt die Nacht die Gegner, welche alle Beteiligten nutzen, um ihre Wunden zu lecken und die größten Schäden zu beseitigen. Als schließlich Kestrel auch am Ort des Geschehens auftaucht, sieht es wieder etwas rosiger, wenn auch nicht wirklich optimistisch aus.
    Der anschließende Versuch Drinkwaters, unter Parlamentärsflagge eine für die Dänen und die Engländer gleichermaßen zufriedenstellende Lösung des Konflikts herbeizuführen schlägt fehl. Hilflos muss Drinkwater mit ansehen, wie die französischen Waffen, die über Hamburg nach Dänemark gelangt sind, auf die amerikanischen Schiffe verladen werden.
    Das nächste Gefecht wird äußerst blutig und verlustreich, und am Ende scheint es für die Engländer nur noch düster auszusehen. Dann kommt Nebel auf, und Drinkwater plant einen letzten verzweifelten Coup...


    Auch dieses, wieder von unserem alten Master Quincy, also Uwe D. Minge übersetzte Buch, steckt voller Spannung und überraschendender Wendungen. Für mich war es der bisher blutigste Teil dieser Romanreihe, und er lässt mich mit einer gehörigen Portion Trauer zurück.


    Der ganze Irrsinn des Krieges insgesamt wird in einer kleinen Szene deutlich, die so skurril und auch anrührend ist, dass man nicht weiß, ob man schmunzeln oder heulen soll. Im Gefecht kommt der jüngste Midshipman, der 12jährige Mr. Fisher, zu Drinkwater:

    Zitat

    "Mr. Jameson lässt Ihnen ausrichten, dass Mr. Beavis gefallen ist, Sir. Eine Kugel hat die Schiffsseite durchschlagen..." Fishers Stimme schien von weit her zu kommen, und Drinkwater musste auf seine Lippen blicken, um ihn zu verstehen. Er sah Tränen in den Augen des Jungen."Sieht es unten schlimm aus, Mr. Fisher?"
    "Schrecklich, Sir. Collingwood ist tot, Sir..." Die Unterlippe des Jungen zitterte.
    "Collingwood?" erkundigte sich Drinkwater unsicher.
    "Die... die Katze des Cockpits, Sir."


    Auch wenn ich mir die eine oder Szene gern erspart hätte - dennoch gibt es auch für dieses Buch die volle Sternzahl. :5*:

  • Ja, Drinkwaters düstere Stimmung überträgt sich irgendwie auf den Leser und letztendlich auch auf die Handlung. Und in gewisser Weise ist dieser Band ja auch schon fast ein Abschied.
    Was die Verluste betrifft, so sind diese bei Woodman immer extrem hoch. Er recherchiert seine Geschichten immer so gut, aber die Verluste in seinen Büchern liegen doch grundsätzlich eher am oberen Ende der normalen Skala. Man sollte sirekt mal einen Vergleich zwischen den Verlusten bei Woodman und den realen Verlusten der Seekriege des Handlungszeitraums anstellen. Selbst wenn man den Trafalgarband weglässt, dürfte Woodman in der Summe der Kampfverluste deutlich über der Gesamtzahl der realen Kriege liegen.

    Glück hat meistens der Mann, der weiß, wieviel er dem Zufall überlassen darf. (C.S. Forester)

  • fertig.

    Bei ein paar Begrifflichkeiten hatte ich das Gefühl, das das Buch eines der frühen Übersetzungen Quincys war, sie passen in die Neuzeit aber nicht in die RN unserer Zeit.

    Es war spannend, ein Buch voll heftiger Gefechte, die fürWodmann ungewöhnlich, sehr blutig waren. Manche Verwicklungen hätten besser beleuchtet werden können, aber insgesamt gut.

    Ich gebe 4 1/2 von :5*:


    aga

    Gentlemen, when the enemy is committed to a mistake, we must not interrupt him too soon.

    Adm. Horatio Nelson