Franzobel - Das Floß der Medusa

  • Ich rieche Menschenfleisch. – Sie essen Menschenfleisch!


    Der österreichische Provokateur FRANZOBEL, geboren 1967, hat zugeschlagen. Zugeschlagen in der deutschsprachigen Literatur, und zwar mit einer Spaltaxt!
    Der 2017 erschienene Roman, knapp 600 Seiten lang, reiht sich nicht ein. Er polarisiert. Er sucht in der Gegenwartsliteratur seinesgleichen. Er verdichtet einen Stoff, den es schon mehr als 200 Jahre gibt. An diesen Stoff hat sich bisher nur der romantische Maler Théodore Gericault, der ein im Louvre hängendes, riesiges Gemälde im 19. Jahrhundert malte, gewagt. Es ziert das Cover des Romans. Nachdem offizielle Stellen, Verantwortliche, versuchten, die vermutete Wahrheit des Schiffbruchs der Medusa vor der afrikanischen Küste des Senegal zu unterdrücken, gelangten jedoch wesentliche Ereignisse der Tragödie aus verschiedenen subjektiven Quellen an die Öffentlichkeit. Aus diesen Quellen speiste Gericaultdie Idee für sein berühmtes Gemälde.
    Der Autor vermischt die tatsächlichen Fakten, die er sorgsam auch vor Ort recherchiert hat, mit einer überbordenden Fantasie zu einem provozierenden Gemälde.
    Die zugrunde liegende tatsächliche Geschichte ist als Plot schnell zusammengefasst. 1816 bricht die Fregatte Medusa auf, um Verwaltungsbeamte und Abenteurer in den Senegal zu befördern. Der Kapitän und seine Mannschaft sind schlecht vorbereitet und ausgebildet. Trotz bekannter Gefahren durch eine gefährliche Sandbank, havariert die Medusa genau dort. Zu wenig Rettungsboote nehmen zu wenig Schiffbrüchige auf, 147 Menschen retten sich auf ein riesiges, notdürftig gezimmertes Floß, und wenige verbleiben auf dem Wrack. Die Rettungsboote treffen an unterschiedlichen Stellen auf die afrikanischen Küste, ihre weitere Rettung nimmt unterschiedliche Wendungen (Gefangenschaft, Geisel etc.). Auf dem Floß massakrieren sich die Überlebenden und essen sich gegenseitig auf, bis nur noch 15 übrig bleiben.
    Zunächst soll dieser Schiffbruch verschleiert werden, doch die grausame Wahrheit kommt an die Oberfläche.
    A. Kosenina von der FAZ.net schreibt von '600 kurzatmigen durchfieberten Seiten' und fasst zusammen, es handle sich um ein 'unaufhörliches Trommelfeuer schockierender, grässlicher, monströser Szenen'.
    Viele Szenen werden aus der Figurenperspektive des Schiffsarztes Savigny, der oft mit wissenschaftlicher Objektivität und unterkühlt die Szenen erlebt und kommentiert. Ihm zur Seite flüchtet der Junge Viktor vor dem sadistischen Koch und seinem fetten Helfershelfer.
    Franzobel bedient sich bei seiner oft tragikkomischen Schilderung mit zynischer Überhöhung vielfältiger moderner Erzähltechniken, und dies ist kein Selbstzweck oder Spielerei. Das ist eine vortreffliche (vielleicht einzige) Möglichkeit, das schier Unvorstellbare zu bannen, es beschreibbar zu machen. Es gibt eine Erzählerperspektive, erlebte Rede, Figurenrede, Bewusstseinsströme, Albtraumsequenzen und übergeordnete Kommentare.
    Die vielen Figuren werden oft in ihren Besonderheiten, Eitelkeiten und Verrücktheiten kunterbunt dargestellt. Hier herrscht blanker Sarkasmus. Das ist oft sehr sehr witzig, bis dem Leser das Blut gerinnt und der Atem stockt.
    Die letzten 200 Seiten schildern Kämpfe, Metzeleien, Morde, Amputationen (freiwillig und unfreiwillig) und verschiedene Formen des Kannibalismus.
    Es ist die reine Frage der Theodizee. Wo ist Gott? Wer ist Gott? Wie kann so etwas passieren?
    Hinter allem Menschlichen und aller menschlichen Kultur verbirgt sich ein krudes Raubtier.


    V. Weidermann vom Literatur-Spiegel fasst sehr treffend zusammen: 'Eine gigantisch böse, komische, 'tarantinoeske', historische Splatterkomödie.“
    Dennoch ästhetisiert Franzobel das Böse nicht unkommentiert (wie wir es oft bei Tarantino erleben).


    Ich selbst habe vor dem Gemälde von Théodore Gericault 1988 gestanden. Ich kannte die historischen Hintergründe nicht. Meine Leidenschaft für marinehistorische Geschichten schlummerten noch. Und dennoch faszinierte mich das Gemälde so sehr, dass ich die damals gekaufte Postkarte noch immer verwahre.

    "Wie die Luft gehört die See als Geburtsrecht allen Menschen.“
    (Thomas Jefferson 1743 - 1826)

    Einmal editiert, zuletzt von 1.Lord ()

  • Vor dem Gemälde habe ich '94 auf meiner Hochzeitsreise gestanden.
    Es war für mich das eindrücklichste Bild im Louvre. Die Geschichte dahinter ist spannend abstoßend und schockierend.
    Ob ich mir den Roman antue weiß ich noch nicht.
    Aber Danke für Deine Rezension.


    Aga

    John Duckworth: „Besansegel brassen; lasst ein Boot runter, ein Schwein ist über Bord gegangen; mein Schwein – Schwein ersäuft“.
    „Es ist unser Schwein!“ stammelt der Midshipman
    Was – Was! Ihr Schwein: Kurs halten ... wegen eines Schweines dürfen wir doch kein Menschenleben gefährden...“