Die Martello Towers

Wer an der Küste von Kent oder Sussex, oder Zwischen Dublin und Cork entlangläuft wird sie sehen: Massige, gedrungene Türme aus Ziegeln oder Feldsteinen gemauert.

Fragt man Einheimische was das ist, wird man wohl „A Martello“ als Antwort bekommen. Die meisten Iren und Engländer halten sie für mittelalterlich, aber sie wurden erst ab 1804 gebaut.

Einleitung

England hatte sich spätestens seit der spanischen Armada damit auseinander zu setzen eventuelle Invasoren abzuwehren. Dazu wurden durch die Armee Artillerie Stellungen aufgebaut, die taktische wichtige Punkte der Küste bewachen und unter Feuer nehmen konnten. Dies Stellungen befanden sich oft auf umgebauten mittelalterlichen Burganlagen. Es wurden aber auch Feldstellungen eingerichtet, die taktisch wichtige Geländeabschnitte beschützten.

Erfahrungen in verschiedenen Feldzügen zeigten, das Artillerie Feldstellungen schnell durch die hohe Feuerkraft eines angreifenden Schiffes ausgeschaltet werden konnten und ihr Wert daher eingeschränkt war.

1794 war Frankreich mit England im Krieg.

Korsische Freischärler kämpften mit Unterstützung der britischen Marine für die Unabhängigkeit Korsikas von Frankreich.

Im Rahmen dieser Aktionen sollten Truppen auf Korsika angelandet werden. Als Landungspunkt wurde die San Fiorenzo Bucht aus gewählt. Oberhalb der Bucht stand auf Mortella Point ein Turm, der die Bucht schützte. Um die Landungsoperation zu decken beschossen zwei Schiffe der Navy (die 74er Fortitude und die 32er Juno) diesen Rundturm.

Der Turm war bestückt mit einem 18 Pfünder und zwei 9 Pfündern. Als die beiden englischen Schiffe in die Bucht liefen nahmder Turm sofort den Kampf auf und richtete auf beiden Schiffen verheerende Schäden an.

Captain Young der HMS Fortitude schrieb in sein Logbuch:

9.Februar
Bei klarer Sicht und wolkenlosem Himmel kamen wir gegen 1 Uhr herangesegelt. Wir liessen den Heck- und Buganker mit einem Spring gegenüber Mortella Tower fallen, welcher sofort das Feuer auf uns eröffnete. Sobald das Schiff in der richtigen Position war beantworteten wir das Feuer und hielten ein konstantes Feuer bis kurz nach halb 3 Uhr aufrecht. Bis eine Explosion zwischen den Decks ein Feuer an Bord auslöste. Vermutlich hatte eine glühende Kugel eine Pulverkiste getroffen. Wir verloren dadurch mehrere Männer.Um 4 Minuten vor 3 Uhr kappten wir die Ankertrossen und segelten aus der Bucht, um das Feuer bekämpfen zu können, was gelang.

Vormittags 10. Februar

Zimmerleute von verschiedenen Schiffen kamen an Bord und Musterten die Schäden. Eine Musterung der Besatzung ergab 6 Tote, 57 Verletzte Besatzungsmitglieder.

Das erbitterte Feuer des Turmes auf Mortella Point zwang die Landungstruppen weiter entfernt zu landen. Major-General David Dundas und Lieutenant-General John Moore richteten daraufhin 150 Yards vom Turm entfernt eine Batterie mit vier Kanonen ein, die dann die Turmbesatzung zwang zu kapitulieren. Ein Glücksschuss hatte ein Feuer im Turm ausgelöst.

1796 musste England Korsika räumen. Beim Rückzug wollte man den Turm zerstören, um bei einer eventuellen Rückkehr nicht nocheinmal die gleichen Probleme zu erleben. Selbst dies erwies sich schwerer als gedacht. Erst eine geballte Ladung im Innern des Turmes machten ihn unbrauchbar. Die Ruine ist heute noch zu besichtigen. Auf Korsika und Sardinien wurden unter Karl V. Viele dieser Türme angelegt, um Piraten abzuwehren. Auch der Turm auf Mortella Point geht auf diese Zeit zurück.

Der Turm hinterliess bei der Britischen Militärführung einen tiefen Eindruck, Admiral Sir John Jervis „CIC Mittelmeer“ schrieb, das er sich wünsche, solche Bauwerke würden in England errichtet, um Feinde abzuschrecken in England einzufallen.

Dies war das erste mal, das ein Wachturmsystem in der englischen Militärplanung Einzug hielt. In Italien gab es solche Türme zu Hauf, meisst als „Hammertower“ bezeichnet. Den Namen hatten sie von dem Hammer, mit dem eine auf dem Turm installierte Glocke geläutet wurde, um vor Feinden zu warnen.

In England hiessen diese nur noch Martello Towers, nach dem Turm auf Mortella Point. Wahrscheinlich aufgrund eines Schreibfehlers wurde aus Mortella Martello.

Napoleons Invasion

Nachdem 1796 eine Invasion in der Bantry Bay blutig zurückgeschlagen wurde und 1798 die Landung eines französischen Expeditionscorps im Südosten Irlands zur Unterstützung einer irische Revolte (Pikesman) nur durch einen Sturm auf dem Atlantik (der die Invasionsflotte zur Aufgabe zwang) verhindert wurde reiften die Gedanken heran, ein umfassendes Verteidigungswerk in England, Irland und einigen Besitzungen aufzubauen.

1803 zog Napoleon in Boulonge eine Invasionstruppe von 130.000 Mann und 22.000 Landungsbooten zusammen um England besetzen. Die RN blockierte zwar die französischen Häfen und verhinderte so die Invasion. Aber kleinere französische Landeoperationen in Wales und Irland zeigten wie nötig eine effektive Küstenverteidigung war.

Captain W.H.Ford der Royal Engineers wurde von der Armee beauftragt mit den Plänen für den Bau der Martello Towers zu beginnen. Er plante eine Reihe quadratischer Türme an der Küste Kents und Sussex.

Der Entwurf wurde Brigadier-General Twiss vorgelegt Twiss ergänzte Ford’s Plan um die Überlegungen von Captain Reynolds, der bereits 1798 eine solche Linie vorgeschlagen hatte. Sie sollte von Kent bis an die flachen Strände von Pett Level und bis nach Seaford reichen.

Captain Ford überarbeitete seine Pläne zu den Martello Türmen. Dieser umfasste nun kanpp 80 runde Türme.

Die Admiralität war begeistert von den Plänen, die Armeeführung in Ihrer Meinung gespalten. Es kam zu einer politische Farce im Parlament, die von den Befürwortern für sich entschieden wurde.

General Twiss wurde beauftragt mit den Planungen weiter vorzufahren.

1804 wurde William Pitt Premierminister und trieb das Programm weiter.

 „Mein erster Ziel war es die Grundlagen für eine Befestigung zu sammeln und diese mit den Vorgaben des Committee of Royal Engineers in einklang zu bringen um diese exponierte Küste zu verteidigen. Es erschien mir am einfachsten Türme von ungefähr 29 Fuss Durchmesser, die auf dem Dach eine schwere Kanone und zwei Carronaden haben würden zu bauen. Die Türme sollten in den für eine Landung am geignetesten Stellen 5-600 Yard voneinander entfernt stehen.“

Twiss legte 85 Bauplätze zwischen Eastbourne und Folkestone fest, wo eine französische Invasion am wahrscheinlichsten erschien.

In diesem Bereich hat die englische Küste weite Marschen, die es Schiffen erlaubt bei Flut nah an die Küste heranzulaufen. Um bei Ebbe trocken zu fallen und so einfach Menschen, Pferde und Material zu entladen. Auch gibt es hier kaum Steilklippen, wenige Städte und Militärbasen. Dadurch wäre es für die Invasionstruppen einfacher einen Brückenkopf zu bilden und zu halten.

Am 21.Oktober 1804 wurde auf einer Konferenz in Rochester das Verteidigungswerk der Martello Towers beschlossen. Es umfasste nun 83 Rundtürme:

  • 2 Elf-Kanonen-Türme („Redoubts“) in Eastbourne und Rye
  • sowie einem Vier-Kanonen-Turm in Dymchurch.
  • Der Royal Military Canal sollte einbezogen werden und
  • das Sandgate Castle (eine Festung Henry VIII.) sollte modernisiert werden.

Mit grosser Energie ging man ans Werk.

Hätte man allerdings damals gewusst, was knapp ein Jahr später in Trafalgar passierte, hätte die Krone eine Menge Geld in neue Schiffe stecken können….

Während der Bauphase liess man die Redoubt in Rye fallen und baute diese anstelle des Vier-Kanonen-Turmes in Dymchurch, auch sank die Zahl der errichteten Türme auf 78.

Bewaffnung

Die Martello Türme sollten mit je zwei Karronaden und einem 24 Pfünder Geschütz bewaffnet werden.

Die Karronaden sollten vor allen Dingen die Strände mit Kartätschen und Traubenkugeln belegen, um anlandende Truppen auszuschalten, während der 24 Pfünder die Schiffe abwehren sollte. Da die Türme ca 600 Yards auseinander stehen, wäre ein gutgelegtes Kreuzfeuer möglich gewesen.

Da der Platz auf den Türmen begrenzt war, wurde auf den meissten Türmen nur ein 24 Pfünder auf einer Drehlafette eingesetzt.

9 Türme in Kent erhielten die gemischte Bewaffnung.

Als Besatzung der Türme wurden 24 Mann veranschlagt (1 Offizier, 3 Unteroffiziere und 20 Mannschaften). Neben der Royal Artillery stellten auch andere Regimenter Turmbesatzungen. Welche Regmenter dies noch taten ist mir nicht bekannt.

Vielfach wurde auf die örtliche Militia und Veteranen zurückgegriffen

Aufbau

Im Herbst 1804 fingen endlich die ersten Bauabschnitte an. 2,5 Millionen Ziegel wurden für einen ersten Bauabschnitt bestellt. Am Ende verbaute man 13,45 Millionen Ziegel, die 37.450 Pfund kosteten.

William Hobson, der auch schon das Newgate Gefängniss in London gebaut hatte wurde Generalunternehmer. Hobson beauftragt lokale Handwerker mit der Durchführung, sodass viele Türme gleichzeitig gebaut werden konnten.

Im Frühling 1805 zog die französische „Englandarmee“ aus Boulonge ab und marschierte nach Österreich.

1806 waren die ersten sechs Martello Türme fertig, 1808 war die Gesamtanlage fertig und bemannt.

Die Franzosen wussten durch Spione, Aufklärer und Schmugglern von den Martello Türmen in England und nannten sie „Bulldocks“. Ob sich die französische Armeeführung davon beeindruckt zeigte, oder die Invasionsplanungen anpasste ist mir nicht bekannt.

In England wurde die Geldverschwendung durch den Bau der Martello-Türme angeprangert, waren sie doch nutzlos geworden. Die Presse stürzte sich auf dieses Thema und wusste plötzlich, das Napoleon ja nie kommen wollte, weshalb die Martello`s nie hätten gebaut zu werden brauchten…

Jeder Turm kostete die Krone zwischen 3000 und 8000 Pfund.

Einige der Handwerker und Hobson als Generalunternehmer wurden durch dieses Projekt wohlhabend. So wurde von einem Handwerker berichtet, der 20.000 Pfund an den Türmen verdient hätte.

Die nachfolgenden Maße sind Circaangaben und können vonTurm zu Turm variieren. Sie beziehen sich auf die Türme in Sussex und Kent.

Die Türme hatten einen Durchmesser von ca 14 Meter an der Basis und verjüngten sich nach oben auf gut 11 Meter. Der Hohlraum im Turm wurde etwas aus der Mitte verschoben, sodass die Mauer auf der Seeseite zwischen 3,3m und 2,1m war, auf der Landseite aber nur 2,1m bis 1,6m. Dies konnte allen damals bekannten Geschossen über einen längeren Zeitraum trotzen.

Das Zentrum des Turms war eine meterdicke Säule, die die Decke trug und notwendig war um das Gewicht des 24 Pfünders zu tragen. Sie Sollte auch den Turm vor Mörserbeschuss schützen.

Im Erdgeschoss des Turmes war das Magazin und eine Zisterne untergebracht.

Das Regenwasser wurde auf dem Dach gesammelt und in die Zisterne geleitet. Ein ausgeklügeltes Belüftungssystem sorgte für Frischluft und trockene Luft im Magazin, damit das dort gelagerte Pulver trocken blieb.

Im 1.Stock war der Wohnbereich der Besatzung und der Zugang zum Turm.

Hier gab es zum Heizen und Kochen zwei Kamine.

Einige Türme erhielten eine Graben-Wall-Anlage, als zusätzlichen Schutz.

Wie ging es weiter?

Von 1812 an wurden die Türme dazu genutzt die Küste gegen Schmuggler zu überwachen.

Die Kanone blieb meisst installiert.

Mit fortschreiten der Zeit zog sich die Armee immer mehr aus den Türmen zurück, sodass die Türme z.T. verfielen. Mit Ausbruch der zweiten französischen Revulotion 1830 wurden die Türme repariert und wieder besetzt.

In den 1860ern wurden einige Türme als Artillerietestziele genutzt. Man wollte die Geschützwirkung zwischen verschiedenen Geschütz- und Munitionstypen vergleichen. Es zeigte sich das die Türme gegen moderne Explosivgeschosse chancenlos waren.

Einige verlassene Türme wurden von Familien zu Wohnbauten umgebaut, bzw von der Küstenwache als Beobachtungstürme genutzt.

Der wohl berühmteste Bewohner eines Martello Towers war James Joyce der in Sandycove, Dún Laoghaire, bei Dublin mit Freunden einen Turm bewohnte. Bono von U2 besass einen in Bray.

Im zweiten Weltkrieg sollten die Martello Türme als Beobachtungsposten vor einer Deutschen Invasion, bzw. Den Einflug von Flugzeugen warnen.

Heute kann man noch 25 MartelloTürme in England finden, 30 sind durch Küstenerosion, 4 bei Militärischen Versuchen zerstört worden. 15 wurden als „Steinbruch“ missbraucht.

Wo noch

In Irland lag die Sache etwas anders, war diese Insel doch immer schon etwas renitent :

Das revolutionäre Frankreich unterstützte die Iren gerne in ihren Unabhängigkeitsbestreben von England. Teils weil es opportun war die Revulotion in andere Länder zu tragen, aber vorallendingen, um eine zweite Front aufzubauen und so England auf dem Festland zu schwächen.

1796 landeten die Franzosen eine kleiner Streitmacht in der Bantry Bay um eine irische Revolte zu unterstützen. Die englische Armee konnte diese Landung vereiteln. Bis die Pläne gereift waren wurden die Planungen für die englische Küstenverteidigung übernommmen.

So plante man in Irland über 80 Türme und Kasernen. Für die genauen Planung zeichnet Lord Lieutenant the Earl of Hardwicke ab 1803 verantwortlich. Die Türme wurden zwischen 1804 und 1808 errichtet. Colonel Fisher von den Royal Engineers hatte hier die Verantwortung. Da die irische Küste recht steil ist, wurden die Türme in größeren Abständen aufgebaut und bekamen eine Semaphoranlage, sodass Nachrichten leicht verteilt werden konnten.

Die Türme waren zum kleineren Teil Martellos, zum größeren Teil sogenannte Lighthouses, die als Signalturm dienten.

Die Artillerie wurde davor in normalen Feldstellungen aufgestellt. Man ging davon aus, das die Kanonen durch die steileren Küsten ausreichend geschützt wären, da die Rohrerhöhung der Schiffskanonen nicht gereicht hätte.

Die Kette aus Türmen zog sich von Dublin im Urzeigersinn bis nach Sligo im Norden.

Nur die Ostküste Ulsters (heutige Nordirland) erhielt keine Türme, da durch die geografische Lage eine Flotte bereits lange vorher gesichtet werden würde (irische See, Küstennähe zu Irland und Wales).

Die irischen Lighthouses wurden sehr schnell errichtet, dabei wurde auf besonders dicke Mauern verzichtet. Viele dieser Türme sind heute in sehr schlechtem Zustand und nur noch Grundmauern sind erhalten.

Im Metropolitan-Area von Dublin konnte ich 2004 drei Martello Türme besichtigen. Im Turm in Bray ist heute eine Joyce Ausstellung beheimatet. Der Ulysses spielt zum Teil in diesem Turm. Leider habe ich damals keine Fotos gemacht.

An strategisch wichtigen Punkten wurden Barracks errichtet, die einen grösseren Zug Soldaten beherbergten, diese sollten im Invasionsfall den betroffenen Bereich verstärken und die Invasoren abwehren.

Auf den Kanalinseln wurde mehrstöckige Türme erichtet, die auf mehreren Ebenen mit Schiessscharten versehen sind.

In Kanada wurden einige erbaut um Hafeneinfahrten zu schützen (z.B. St.John, Quebec)

In Australien wurde zum Schutz des Sydney-Harbour das Fort_Denison auf einer kleinen Insel im Hafen gebaut.

Auf den Inseln Bermuda, Barbuda und Jamaika wurden ebenso Türme errichtet wie auch auf Mauritiusund Sri Lanka. Diese dienten häufig dem Schutz von Hafenanlagen

Die USA übernahmen das Konzept und bauten an der Ostküste einige Türme, die heute z.T. noch als Leuchtturm genutzt werden. Witzigerweise schreiben einige Amerikanische Schriftsteller die Türme durch den Namen den Spaniern zu….

Redoubt’s

Die zwei Redoubts stellten schwere Batterien aus jeweils zehn 24 Pfündern dar. Warum eine Kanone weggelassen wurde ist nicht bekannt.

Sie waren als runde Festungswerke mit einem Halsgraben angelegt. Die 24 Kasematten lagen unter der Erde und wurden von gut 6 Metern Erdreich geschützt.

Die Festungswerke erhoben sich nur sehr wenig über das umgebende Gelände. Auf dem „Dach“ waren die Kanonen auf Schwenklafetten um einen Hof angelegt. Dadurch konnten immer mehrere Geschütze ein Ziel auffassen.

Die Eastbourne Redoubt wurde von zwei weiteren Türmen flankiert und schütze die Stadt und das nahegelegene Marschland, das im Verteidigungsfall durch Sprengung eines Damms geflutet werden konnten.

Dymchurch war nahezu identisch angelegt, hatte aber keine „Camponiers“ in der Grabenanlage, um Angreifer in den Gräben mit Musketen unter Feuer nehmen zu können.

Quellen

Wer Fotos sehen möchte sollte mal auf den folgenden Homepages, die mir auch als Quellen dienten vorbeischauen:

Buchhinweis

Towers of Strength: Martello Towers Worldwide von H.G.Clements.