Die Seekiste

von: Capt. Guy Nelson

Langsam , unendlich langsam, mit einem Klicken des Palls nach dem anderen , glitt seiner Majestät Fregatte „Desireé“ ins Trockendock der großen Wadia-Werft in Bombay.
Zwei Jahre in indischen Gewässern hatten vor der beabsichtigten Heimreise nach England eine Überholung des Unterwasserschiffs nötig gemacht.
Captain Guy Nelson flitzte an Deck herum wie eine in die Hecklaterne geratene Mücke. Seine Nervosität äußerte sich in so überflüssigen Befehlen wie „Vorsicht mit der Gangspillbremse“ oder “ Achtet auf die Absetzer“.
Benjamin Masterson , sein fast zwei Meter großer erster Offizier , schien dagegen die Ruhe selbst zu sein. Er zählte genau mit , sein Kapitän hatte in der letzten Stunde genau dreizehn Mal beim „heiligen Kanonenrohr“ geflucht.
Schließlich war es geschafft. Die „Desireé“ lag sicher vertäut und abgestützt im Dock und hinter ihr schlossen sich die großen Tore. Eine Gangway war ausgelegt, damit man hinüber auf die Dockmauern gehen konnte , nur noch das Wasser musste aus dem Dock gepumpt werden.
Guy Nelson hatte sich auf die Achterdeckreling gesetzt und seinen Hut auf die Nagelbank des Großmastes gestülpt. Er saß da wie ein Häufchen Elend, als sein Erster nähertrat.
“ Haben Sie gesehen , Sir , die haben hier eine Dampfmaschine zum Betätigen der Pumpen. Soll noch mal einer etwas über rückständige Kolonien sagen. Spätestens morgen liegen wir hier trocken und können uns um die Schäden am Rumpf kümmern, Sir.“
Masterson war ganz begeistert von Technik.
Guy winkte müde ab.
“ Gottchen , Benjamin, ich muß Ihnen heute wie ein Idiot vorkommen. Meine einzige Entschuldigung ist, daß ich zum ersten Mal ein Schiff eindocken musste. Bin vor Sorge fast krank geworden. Ich bewundere Ihre Ruhe, Benjamin. Wieviele Schiffe haben Sie schon eingedockt , wenn ich fragen darf ?“
Masterson schien angestrengt nachzudenken, dann nahm er die Finger zur Hilfe , und sagte schließlich:
„Also Sir, mit unserer guten „Desireé“ , insgesamt “ er hob den Zeigefinger “ insgesamt eines !“
Guy starrte ungläubig von unten her zu seinem großgewachsenen ersten Offizier auf.
„Oh Gott, Benjamin,“ quetschte er mühsam hervor. “ Wollen Sie mich zum Weinen bringen? Sie waren doch die Ruhe selbst.“
„Ich habe mich einfach darauf verlassen , daß mein Capt´n weiß, was er tut, “ beeilte sich Masterson mit einem entschuldigenden Schulterzucken zu verkünden.
Guy Nelson brach in ein hysterisches Gekicher aus und sein Erster stimmte ein.

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