Dudley Pope – Ramage und die Rebellen 9/18

Literatur-Vorstellung August 2018:

Dudley Pope – Ramage und die Rebellen

Prolog:

Ist es bedenklich, wenn ich beim Drittlesen überrascht werde, wenn ich bemerke, dass ich mich an fast gar nichts erinnern kann, obwohl ich das Bändchen schon zweimal gelesen habe? Beginnende Demenz? Mit 50?
Zeigt das vielleicht das Fehlen der Qualität der Geschichte? „Buch ist gänzlich unwichtig, das brauche ich mir nicht merken!“
Oder zeigt das im Gegenteil die Qualität der Geschichte? „Buch ist so gut, das vergesse ich gleich wieder, damit ich es in wenigen Jahren erneut mit Genuss lesen kann!“
Oder oder? Habe ich schon so viele ähnliche Genre-Literatur gelesen, dass Vergleichbares/Ähnliches/Gleiches so auch in mehreren anderen Büchlein zu finden wäre?

Fregatten kapern oder brandschatzen – leicht gemacht!

Ramage wird nach Jamaika beordert. Dort ist ihm ein neuer Vizeadmiral vorgesetzt: William Fox-Foote, einer der vielleicht prisengeilsten Flaggoffiziere.
Und so lautet sein unpräziser Auftrag: Verdiene für den Admiral viele Goldtaler, indem du Prisen kaperst und dabei ein Piratenproblem vor holländisch Curacao löst.
Der Lord segelt mit seinen treuen Gefährten und einem Tender los. Ein treibendes Handelsschiff wird entdeckt, es wurde ausgeraubt, die Besatzung vollständig ermordet und geköpft. Eine Verfolgung der Mörder ist unmöglich. Ramage erfährt aber, dass es ein spanischer Schoner mit französischer Besatzung war.
Im Jagdgebiet vor Curacao angekommen, befinden sich 10 abgetakelte Schoner in der uneinnehmbaren Reede von Amsterdam. Eine unbekannte Fregatte nähert sich, ein Franzose. Tricky Ramage stellt den Franzosen eine Falle: „300 Mann und eine Fregatte mit 34 Kanonen durch eine Trosse von hundert Fuß Länge erobert!“ (Kap. 9, S. 184)
Der holländische Gouverneur täuscht listig Hilflosigkeit vor und kapituliert vor Ramage, weil er Angst vor marodierenden französischen Piratenmatrosen und Revolutionären hat. Ramage übernimmt für König George Besitz von Curacao. Dafür darf er ein bisschen mit der natürlich überaus hübschen Tochter des Gouverneurs knutschen (anderer Frauentyp als Gianna de Volterra!). Mit seinen mutigen Männern löst er das Piratenproblem überaus blutig an Land.
Eine holländische Fregatte läuft ein und blockiert den Hafen. Der Gouverneur wird wortbrüchig, Ramage versenkt die holländische Fregatte samt Besatzung. Dabei geht der spanische Mörder-Schoner verlustig. Ramage wird verletzt und hat die hübscheste Krankenschwester, die ihm Händchen hält und ihren Vater fortan verachtet. Der Gouverneur wird abgeschoben. Der Admiral kommt und meckert Ramage an, dass dieser zu wenig Geld verdient habe.

So weit der Plot.

Historisch korrekt ist: Im Jahre 1800 ergab sich Curacao der britischen Fregatte Néréide unter Kapitän Watkins. Später wurde die Insel zurückgegeben und Amsterdam in Willemstad umgetauft.

Nach acht Bänden bietet Dudley Pope hier erstmalig erzähltechnisch einen Perspektivwechsel im Personal an, um die Spannung zu erhöhen und die Gewieftheit unseres Helden aus französischer Sichtweise zu beschreiben. Dem französischen 1. Offizier wird sein Vorgesetzter weggenommen. Nun muss er eigenständig denken und handeln, was ihm verständlicherweise schwer fällt, zumal unser Lord wieder eine tollkühne Finte parat hat. Dies führt zu einem herrlichem Wuhling in den Gedanken des Franzosen.

Und dann versucht Pope etwas, das schwer in Gedanken und Worte zu fassen ist: Etwas wie eine Vorahnung überkommt den Held. Ein Schatten aus der Vergangenheit bemächtig sich Ramage. Eine unsichtbare Aura baut sich auf, diffus fühlbar, für ihn selbst und auch für seinen 1. Offizier Aitken. Ich nenne es an dieser Stelle mal bezeichnend: MAS = Minimale atmosphärische Störung! Konkreter: Ramage überkommen Erinnerungspartikel an seinen Urgroßvater, der in den karibischen Gewässern erfolgreicher Bukanier war.

Schmunzeln bei Begrifflichkeiten: Kupferknecht = Köche, Zahlmops = Zahlmeister und der Parole: Kein Frieden südlich vom Äquator! Mücken heißen bei den Matrosen: ‚Sieht man nicht!‘

Gelungen auch der Satz: „Nur 3 Minuten waren vergangen. Er war sicher, daß die Zeiger beim nächsten Mal, wenn er auf die Uhr schaute, rückwärts liefen…“ (S. 309).

Ein Beispiel für auch einmal eine gelungene Übersetzungsleistung (ist ja eher selten!): „Aber die Idee mit dem Brander hätte alle Gedanken ausgelöscht.“, (S.359).

Was passiert mit den französischen Brandyfässern, die sich als Wasserfässer getarnt, an Bord der Calypso befinden?

Epilog:

Gekonnte, wieder einmal knallbunte Abenteuerunterhaltung, die sich auch beim Drittlesen wenig abgenutzt hat. Empfehlenswert dabei am Strand zu liegen, das Meer rauschen zu hören und am Horizont holländische Traditionssegler zu beobachten. Später am Abend vielleicht einen Brandy trinken.

Suchst du nach einer Flucht ins 18./19. Jahrhundert ohne Anspruch auf Realismus oder literarische Kostbarkeiten, suchst du nach bunten Bildern und lässt beim Lesen innerlich einen nicht gedrehten Film laufen, suchst du nach einem wahren, edlen, moralisch korrekten Helden, dann bist du bei Dudley Pope und Lord Ramage richtig.

1. Lord